Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 6
6.1.2. Warum gilt die Gabe an die Mönchsgemeinde mehr als die an Buddha?
„Als, ehrwürdiger Nāgasena, dem Erhabenen von seiner Tante Mahā-Pajāpatī Gotamī ein Regengewand geschenkt wurde, hat der Erhabene gesagt: ‚Schenke es der Mönchsgemeinde, Gotamī! Denn hast du es der Mönchsgemeinde geschenkt, so hast du dadurch gleichzeitig mich und die Mönchsgemeinde geehrt.‘
Sage, ehrwürdiger Nāgasena, ist der Vollendete nicht wohl hervorragender, bedeutender, der Gaben würdiger, als das Kleinod der Mönchsgemeinde? Warum aber ließ er dann der Mönchsgemeinde das ihm von seiner Tante angebotene Regengewand schenken, das jene aus selbst gekardeter, selbst zugeschnittener, selbst geschlagener Wolle hergestellt und selbst gesponnen und gewebt hatte? Wäre, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete wirklich höher, erhabener und vorzüglicher, als das Kleinod der Mönchsgemeinde, so hätte er doch seine Tante jenes Regengewand nicht der Mönchsgemeinde schenken lassen, wissend, daß dieses, wenn es ihm geschenkt würde, den Gebern hohen Lohn bringen möchte. Er ließ es aber der Mönchsgemeinde schenken, weil er selber nicht davon profitierte, selber nicht davon abhing.“? (Die Wiedergabe dieser beiden Ausdrücke ist unsicher)
„Wohl hat, o König, der Erhabene den Ausspruch getan. Doch geschah dies nicht, weil die ihm dargebrachte Verehrung etwa keinen Segen brächte, oder er nicht etwa der Erste wäre unter den der Gaben Würdigen. Sondern aus Wohlwollen und Mitleid wollte er durch seine Worte die in der Mönchsgemeinde anzutreffenden Vorzüge hervorheben, damit auch in den späteren Zeiten, nach seinem Dahinscheiden, die Mönchsgemeinde verehrt werden möchte. Er hat es genau so gemacht wie ein Vater, der noch bei seinen Lebzeiten mitten unter den Ministern, Soldaten, Heerführern, Torhütern, Leibwächtern und der Gefolgschaft, in des Königs Gegenwart die bei seinem Sohne anzutreffenden Vorzüge rühmt, damit dieser, wenn er einstmals hier angestellt wird, von der Menge geachtet werden möchte. Nicht ist, o König, schon wegen dieses bloßen Schenkens eines Regengewandes die Mönchsgemeinde höher und vorzüglicher als der Vollendete. Wenn da zum Beispiel, o König, die Eltern ihr Kind salben massieren, baden und abreiben, ist deswegen etwa schon das Kind höher und besser als seine Eltern?“
„Nein, o Ehrwürdiger. Gegen den Willen der Kinder handeln ja die Eltern so.“
„Und gegen den Willen seiner Tante, o König, ließ der Vollendete jenes Regengewand der Mönchsgemeinde schenken. Wenn da, zum Beispiel, o König, irgend ein Mann dem Fürsten ein Geschenk bringt und der König dieses Geschenk nun einem seiner Soldaten, Boten, Feldherrn oder Hauspriester verehren möchte, wäre da wohl schon wegen des bloßen Empfangens dieses Geschenkes jener Mann höher und besser als der König?“
„Nein, o Ehrwürdiger. Jener Mann ist bloß ein bezahlter Diener des Königs, lebt vom Könige. Der König aber, der ihm das Geschenk macht, hat ihn ja in diese Stellung eingesetzt.“
„Ebenso auch, o König, ist wegen dieses bloßen Schenkens eines Regengewandes die Mönchsgemeinde nicht höher und vorzüglicher als der Vollendete. Sondern die Mönchsgemeinde ist gleichsam bloß die Dienerin des Vollendeten, lebt durch den Vollendeten. Der Vollendete aber, der ihr das Regengewand schenken ließ, hat sie in diese Stellung eingesetzt. Überdies sagte sich der Vollendete, daß die Mönchsgemeinde ihrer Natur nach verehrungswürdig sei, und daß er ihr deshalb mit einem ihm selber gehörenden Gegenstande Ehre erweisen wolle. Und so ließ er ihr das Regengewand überreichen.
Nicht lobt, o König, der Vollendete bloß die ihm selber dargebrachte Verehrung. Sondern bei allen, die in der Welt der Verehrung würdig sind, da lobt er die Verehrung. Auch sagte der Erhabene, der Gott der Götter, in der herrlichen Gabe der Sammlung der Mittleren Sutten, in der (Sutte von den Erben des Gesetzes), wo er den bedürfnislosen Wandel preist: ‚Eben jener erstere meiner Mönche ist der höher zu achtende, der höher zu preisende.‘ Kein Wesen aber in aller Welt, o König, ist verehrungswürdiger, höher, erhabener und edler als der Vollendete. Der Vollendete ist der Höchste, der Erhabenste, der Edelste In der herrlichen Sammlung der Gruppierten Sutten sagt der Göttersohn Mānava-Gāmika, als er vor dem Erhabenen stand, vor allen Göttern und Menschen:
Als größter Berg in Rājagaha
Der Vipula gepriesen wird,
Berg Seta im Himālaja;
Als größter Stern die Sonne gilt,Den Seen gilt das Meer als Erstes,
Den Sternenbildern ist's der Mond,
Und dieser Welt samt ihren Göttern
Der Buddha als der Höchste gilt.
Jene Verse aber, o König, hat der Göttersohn Mānava-Gāmika recht vorgetragen, nicht verkehrt vorgetragen, richtig verkündet, nicht falsch verkündet. Hat doch auch der Ordensältere Sāriputta, der Feldherr des Gesetzes, erklärt:
Wenn man zum Buddha auch nur einmal
Vertrauen fühlt und Zuflucht nimmt
Und grüßt voll Ehrerbietung Ihn,
Der Māras Heer vernichtet hat,
So mag durchkreuzen man den Strom.
Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat erklärt: ‚Ein Wesen, ihr Mönche, das in der Welt ersteht, ersteht vielen Menschen zum Segen, vielen Menschen zum Wohle, aus Mitleid mit der Welt, zum Heile und Segen und Wohle der Götter und Menschen: welches eine Wesen? Es ist der Vollendete, der Heilige, der Vollkommen-Erleuchtete!‘“?
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“