Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 6

6.1.3. Was ist besser: Hausleben oder Hauslosigkeit?

„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:

‚Den guten Wandel, ihr Mönche, lobe ich, ob beim Hausbewohner oder beim Hauslosen. Wer als Hausbewohner oder als Hausloser einen rechten Wandel führt, der befolgt dadurch den rechten Weg, die heilsame Lehre.‘ Weiß gekleidet, Schätze genießend, im Gedränge von Frauen und Kindern wohnend, feinstes Sandelpulver gebrauchend, Blumen, Riechstoffe und Salben verwendend, Gold und Silber annehmend, bunte mit Gold und Edelsteinen besetzte Turbane tragend: wenn bei solchem Leben der Hausbewohner durch seinen rechten Wandel genau so den rechten Weg, die heilsame Lehre erfüllen mag wie der recht wandelnde Hauslose, der kahl geschoren ist, fahle Gewänder trägt, bei anderen um Almosen geht, die vier Gebiete der Sittlichkeit pünktlich erfüllt, die hundertundfünfzig Ordensregeln auf sich nimmt und befolgt und die dreizehn Asketenübungen (dhutanga) restlos pflegt was besteht denn da eigentlich noch für ein Unterschied zwischen dem Hausbewohner und dem Hauslosen? Dann ist ja alle Asketenarbeit fruchtlos, zwecklos die Weltentsagung, nichtig die Befolgung der Ordensregeln, eitel das Aufsichnehmen der Asketenübungen! Was soll man sich da noch abplagen, wenn man auf so leichte Weise die Glückseligkeit erlangen kann?“

„Wohl hat, o König, der Erhabene den Ausspruch getan. Und was er gesagt hat, o König, das verhält sich so, denn der Höchste ist der, der einen rechten Wandel führt. Wenn aber der Hauslose, obzwar er weiß, daß er ein Hausloser ist, dennoch keinen guten Wandel führt, so ist er eben fern der Asketenschaft, fern der Heiligkeit, um wie viel mehr der weißgekleidete Hausbewohner! Der Hausbewohner, o König, ebenso wie der Hauslose, befolgt, wenn er einen rechten Wandel führt, den rechten Weg, die heilsame Lehre. Trotzdem aber, o König, ist der Hauslose der Herr und Meister der Askese. Gar viele, zahlreiche, unermeßliche Vorzüge besitzt die Weltentsagung (Hauslosigkeit), und unmöglich ist es, alle ihre Vorzüge aufzuzählen. Die Weltentsagung ist wie das alle Wünsche erfüllende Edelsteinjuwel, bei dem man den Geldeswert nicht ermessen und nicht sagen kann, daß es so und so viel koste. Die Weltentsagung ist wie das Weltmeer, bei dem man die Wellen nicht alle zählen und sagen kann, daß es so und so viele seien. Was immer, o König, der Hauslose zu erwirken hat, das alles gelingt ihm sehr bald und nicht erst nach langer Zeit. Und warum? Weil eben der Hauslose bescheiden ist, genügsam, abgeschieden, abgelöst, voll Willenskraft, ohne Anhänglichkeit, ohne Heimstatt, von vollkommener Sittlichkeit und geläutertem Wandel, und tüchtig in der Befolgung der Asketenregeln.

Gleichwie, o König, ein Pfeil, ohne Knoten, geglättet, gut poliert, kerzengerade und unversehrt, richtig abgeschossen gar schnell das Ziel erreicht: ebenso auch gelingt dem Hauslosen, was immer er zu erreichen hat, sehr bald und nicht erst nach langer Zeit.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“