Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 6

6.1.4. Lehrte der Buddha die Schmerzensaskese?

„Damals, ehrwürdiger Nāgasena, als der Bodhisatta die Schmerzensaskese ausübte, da fand man nirgendwo Gleichartiges an Anstrengung, an Anspannung, an Bekämpfung der Leidenschaften, an Zerstörung der Heerschar des Todes (das ist Māras), an Nahrungsbeschränkung und Schmerzensaskese. Da der Bodhisatta aber bei solcher Anstrengung keinerlei Genugtuung empfand, wandte er seinen Geist davon ab, indem er sich sagte: ‚Nimmer erreiche ich durch diese bittere Schmerzensaskese das übermenschliche Ziel des völlig heiligen Erkenntnisblickes. Sollte der Weg zur Erleuchtung nicht doch wohl ein anderer sein?‘ Und sich davon abwendend, erlangte er auf einem anderen Pfade die Allerkenntnis. Dann aber ermahnt und ermutigt er wieder seine Jünger zu jenem Pfade, wenn er sagt:

So rafft euch auf und strengt euch an,
Des Buddha's Weisung eifrig folgt:
Zertrümmert Māras feindliche Schar
Gleichwie der Ilph ein Haus aus Rohr!

Aus welchem Grunde nun, ehrwürdiger Nāgasena, ermahnte und ermutigte der Vollendete seine Jünger zu einem Pfade, vor dem er selber Überdruß und Abneigung empfand?“

„Es ist immer derselbe (achtfache) Pfad, o König, damals so gut wie heute. Und auf eben diesem Pfade wandelnd hat der Bodhisatta die Allerkenntnis erlangt. Damals jedoch, o König enthielt sich der Bodhisatta während seiner übermäßigen Anstrengungen jeglicher Nahrung. Dadurch aber trat bei ihm eine geistige Schwächung ein; und infolge jener Schwäche war er außerstande, die Allerkenntnis zu erlangen. Als er aber nach und nach wieder etwas feste Nahrung zu sich nahm, erlangte er auf eben jenem Pfade nach gar nicht langer Zeit die Allerkenntnis. Das eben, o König, ist der Pfad, auf dem alle Vollendeten das allerkennende Wissen erlangen.

Gleichwie, o König, die Nahrung die Grundlage bildet für alle Wesen, und alle Wesen, auf die Nahrung gestützt, sich des Wohlseins erfreuen: ebenso auch, o König, ist dies der Pfad, auf dem alle Vollendeten die allwissende Erkenntnis erlangen. Nicht lag also der Fehler an der Anstrengung, nicht an der Anspannung, nicht an der Bekämpfung der Leidenschaften, daß der Vollendete damals noch nicht die Allerkenntnis erlangt hatte, sondern einzig und allein daran, daß der Bodhisatta sich der Nahrung enthielt; denn der Pfad ist allezeit in Bereitschaft. Wenn da, zum Beispiel, ein Mann in allzu großer Hast über die Straße rennt und er sich infolge dessen lahme oder verkrüppelte Glieder holt und unfähig wird, sich auf dem Erdboden fortzubewegen, ist dann wohl die Erde daran schuld?“

„Nein, o Ehrwürdiger. Die Erde ist allezeit bereit. Wie sollte diese wohl daran schuld sein. Die Schuld liegt eben in der übergroßen Anstrengung des Mannes.“

„Oder: wenn da, o König, ein Mann ein schmutziges Gewand trägt, er dasselbe aber nie wäscht, so ist doch das Wasser nicht daran schuld, sondern der Mann selber, denn das Wasser ist allezeit bereit. Ebenso auch lag der Fehler nicht an der Anstrengung, nicht an der Anspannung, nicht an der Bekämpfung der Leidenschaften, daß der Vollendete damals noch nicht die Allerkenntnis erlangt hatte, sondern einzig und allein daran, daß der Bodhisatta sich der Nahrung enthielt, denn der Pfad ist allezeit in Bereitschaft.

Und darum ermahnte und ermutigte der Vollendete seine Jünger zu eben diesem Pfade. Somit also, o König, ist der Pfad allezeit bereit, frei von Tadel.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“