Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 5

5.5.10. Warum weigerte sich anfangs der Buddha, die Lehre darzulegen?

„Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete durch unzählige Weltzeitalter hindurch das allerkennende Wissen zur Reife gebracht hat, um die große Menschenmenge (der Leidenswelt) zu entziehen. Andererseits aber, ehrwürdiger Nāgasena, sagt ihr, daß nach Erlangung der Allerkenntnis sein Herz zur Zurückhaltung neigte und nicht zur Darlegung des Gesetzes.

Gerade, ehrwürdiger Nāgasena, wie ein Bogenschütze oder sein Schüler, der sich erst viele Tage in der Bogenkunst geübt hat, um sich zum Kampfe vorzubereiten, am Tage des großen Kampfes sich plötzlich zurückhalten möchte: ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, hat der Vollendete, als er schließlich die Allerkenntnis erlangt hatte, sich geweigert, das Gesetz darzulegen. Oder: wie ein Ringkämpfer oder dessen Schüler, der sich erst viele Tage hindurch beständig geübt hat, plötzlich am Tage des Ringkampfes sich weigern möchte: so auch neigt das Herz des Vollendeten zur Zurückhaltung und nicht zur Darlegung des Gesetzes.

Sage, ehrwürdiger Nāgasena hat wohl der Vollendete sich aus Furcht geweigert, oder aus Unfähigkeit, oder aus Schwäche, oder weil er eben noch nicht die Allerkenntnis besaß? Was war wohl damals der Grund? Erkläre mir, bitte, diesen Grund, damit ich meine Zweifel los werde! Wenn nämlich, ehrwürdiger Nāgasena, die eine Behauptung richtig ist, so muß die andere Behauptung falsch sein. Tiefsinnig und schwer zu entwirren ist dieses zweischneidige Problem, das dir hier gestellt wird; das sollst du mir nun lösen.“

„Wohl neigte, o König, nach der Erlangung der Allerkenntnis des Vollendeten Herz zur Zurückhaltung und nicht zur Darlegung des Gesetzes. Denn als er erkannte, wie tiefsinnig, subtil, schwer zu erkennen und zu verstehen, wie abstrus und schwer zu durchdringen dieses Gesetz ist, und wie andererseits die Wesen der Gier ergeben sind und krampfhaft sich anklammern an den Persönlichkeitsglauben, da dachte er: ‚Was kann ich da tun? Wie soll ich mich da verhalten?‘ Und sein Herz neigte zur Zurückhaltung und nicht zur Darlegung des Gesetzes. Dies aber geschah bloß zu der Zeit, als er darüber nachdachte, ob die Wesen fähig seien, das Gesetz zu durchdringen.

Gleichwie, o König, ein Arzt, der sich zu einem von vielerlei Krankheiten bedrückten Manne hinbegeben hat, darüber nachdenkt, durch welche Behandlungsweise und Arznei seine Leiden wohl gelindert werden möchten: ebenso auch tat es der Vollendete, als er die von dem Elend der vielen Leidenschaften bedrückte Menschheit erblickte; denn als er erkannte, wie schwer dieses Gesetz zu durchdringen war, da dachte er: ‚Was kann ich da tun? Wie soll ich mich da verhalten?‘ Und sein Herz neigte zur Zurückhaltung und nicht zur Darlegung des Gesetzes. Oder: wenn da, o König, der hauptgesalbte Adels-König die von ihm in Abhängigkeit lebenden Menschen erblickt, wie Torhüter, Leibwache, Gefolgschaft, Städter, Söldnertruppen, Königsboten, Räte und Adelsherrn, so kommt ihm der Gedanke: ‚Wie und auf welche Weise kann ich diese wohl für mich gewinnen?‘ Genau so, o König, dachte der Vollendete.

Übrigens, o König, ist es die Gepflogenheit aller Vollendeten, daß sie erst auf die Bitten Brahmas hin das Gesetz darlegen. Und warum? Weil nämlich zu einer solchen Zeit alle Menschen, Büßer und Pilger, Asketen und Brahmanen eben Brahma-Anbeter sind, Brahmaverehrer sind, bei Brahma ihre Zuflucht suchen. Denn zufolge der Neigung jenes so Mächtigen, Ruhmreichen, so Verehrten, Anerkannten, Hervorragenden und Erhabenen wird auch die Welt samt ihren Göttern Neigung empfinden, zustimmen und sich hingezogen fühlen. Aus diesem Grunde, o König, legen die Vollendeten erst auf die Bitte Brahmas hin das Gesetz dar.

Gleichwie einem Menschen, dem irgend ein König oder ein königlicher Rat geneigt ist und Ehrfurcht erweist, auch alle übrigen Menschen Neigung und Ehrfurcht erweisen—eben weil jener Mächtigere ihm geneigt ist—: ebenso auch, o König, wird, wenn der Brahma zum Vollendeten eine Neigung zeigt, auch die ganze Welt samt ihren Göttern zum Vollendeten Neigung empfinden. Denn über und über verehrt wird er ja in der Welt. Darum eben ersucht jedesmal der Brahma alle die Vollendeten um Darlegung des Gesetzes. Und aus diesem Grunde legen die Vollendeten erst auf die Bitten Brahmas hin das Gesetz dar.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Gut entwirrt hat du das Problem, sehr treffend waren deine Erklärungen. So ist es, und so nehme ich es an.“