Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 5
5.5.9. Darf der Mönch betteln?
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Das Angepries'ne darf ich nicht verzehren,
Das, Priester, ist der Seher Eigenart.
Das Angepriesene verschmäh'n die Buddhas;
Wo ihr Gesetz besteht, gilt das als Brauch.
Wenn aber andererseits der Erhabene dem Volke das Gesetz wies und eine stufenweise Darlegung gab, so lehrte er als Allererstes das Geben, darauf die Sittlichkeit. Und die Himmelswesen und Menschen, die die Worte des Meisters aller Welten vernahmen, richteten Gaben her und gaben sie als Spende hin. Die Gabe aber, zu der der Meister sie angespornt hatte, verzehrten seine Jünger. Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene gesagt hat, daß er das Angepriesene nicht verzehren dürfe, dann ist es falsch, zu behaupten, daß er als Allererstes das Geben lehrte; hat er aber das Geben als Allererstes gelehrt, dann kann die Behauptung nicht zutreffen, daß er das Angepriesene nicht verzehren dürfe. Nachdem eben der der Gaben Würdige den Hausleuten den Segen des Gebens dargelegt hatte, spendeten alle, die das Gesetz vernommen hatten, vertrauensvollen Herzens immer wieder Gaben. Diejenigen aber, die jene Gaben verzehrten, alle diese verzehrten eben das in Sprüchen vorher Angepriesene. Auch das ist wiederum ein zweischneidiges, subtiles, tiefsinniges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun lösen sollst.“
„Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Alle Vollendeten aber gehen in dieser Weise vor, daß sie zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter stimmen und dann erst zur Sittlichkeit anspornen.
Gleichwie, o König, die Menschen ihren Kindern zuerst noch Spielzeuge schenken, wie einen Kinderpflug, Spielstöcke, ein Maßgefäß aus Blättern, eine Windmühle, ein Wägelchen oder eine Armbrust, sie aber später alle zu ihrer jeweiligen Arbeit anspornen: ebenso auch, o König, hat der Vollendete zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter gestimmt und dann erst zur Sittlichkeit angespornt. Oder: gleichwie ein Arzt zuerst seine Kranken vier oder fünf Tage lang Öl einnehmen läßt um ihren Körper kräftig und fügsam zu machen und erst dann das Abführmittel verschreibt: ebenso auch, o König, hat der Vollendete zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter gestimmt und dann erst zur Sittlichkeit angespornt. Denn beim Geber, o König, beim edlen Gabenherrn ist das Herz geschmeidig, nachgiebig und fügsam. Und auf diesem Brückendamme des Gebens, auf diesem Fahrzeuge des Gebens gelangt man zum anderen Ufer des Daseinsmeeres. Darum zeigte der Vollendete den Menschen zuerst den Boden für ihr Wirken; dadurch aber machte er sich keineswegs einer Andeutung schuldig.“
„Du sprichst da, ehrwürdiger Nāgasena, von Andeutungen. Wievielerlei solcher Andeutungen gibt es wohl?“
„Zweierlei, o König: Andeutungen in Gebärden und Andeutungen in Worten. Unter diesen nun gibt es wiederum solche, die tadelhaft, und solche, die untadelhaft sind. Welche Andeutung in Gebärden aber ist tadelhaft? Da begibt sich ein Mönch zu den Familien hin, und an einer unpassenden Stelle sich hinstellend, versperrt er den Platz; oder dort stehend, streckt er seinen Nacken vor und hält wie ein Pfau erwartungsvoll Ausschau, in der Hoffnung, daß ihn auf diese Weise die Leute bemerken werden; oder er macht Zeichen mit dem Unterkiefer, oder den Augenbrauen, oder dem Daumen. Diese Andeutung in Gebärden ist tadelhaft, und nicht verzehren die Edlen etwas, das sie etwa auf diese Weise vorher angedeutet hätten. Und jener Mensch wird von der Gemeinschaft der Edlen verachtet, verabscheut, verurteilt, gering geschätzt, nicht verehrt und rechnet als im Lebenswandel verkommen. Welche Andeutung in Gebärden aber ist untadelhaft? Da begibt sich ein Mönch zu den Häusern der Familien hin; und wenn er, der Weisung gemäß achtsam, gesammelt und klaren Geistes, zu passenden wie unpassenden Plätzen gelangt ist, bleibt er am passenden Orte stehen. Er wartet bei denen, die zu geben willens sind; bei denen aber, die nichts geben wollen, geht er weiter. Diese Andeutung in Gebärden ist untadelhaft, und das auf diese Weise Angedeutete verzehren die Edlen. Jener Mensch aber wird von der Gemeinschaft der Edlen gelobt, geschätzt, gepriesen und gilt als lauter im Wandel und rein in der Lebensweise. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat gesagt:
Nicht bettelt der Verständige,
Die Bettelei der Edle haßt.
Auf Gaben wartend bleibt er steh'n,
Er kennt bloß solchen Bettelgang.
Welche Andeutung in Worten aber ist tadelhaft? Da, o König, gibt der Mönch für mancherlei Dinge, wie Gewand, Almosenspeise, Lagerstatt und Heilmittel und Arzneien, Winke in Worten; oder er teilt es den Andern mit, daß er diese oder jene Dinge nötig habe. Und dadurch, daß er die Anderen in diesen Worten bittet, fällt ihm das Geschenk zu. Oder er macht durch weitschweifige Worte die Leute darauf aufmerksam, daß man auf diese oder jene Weise den Mönchen Almosen zu geben habe. Und nachdem diese seine Worte vernommen haben, bringen sie das Angepriesene heran. Diese Andeutung in Worten ist tadelhaft, und nicht verzehren die Edlen etwas, das sie etwa auf diese Weise vorher angedeutet hätten. Und jener Mensch wird von der Gemeinschaft der Edlen verachtet, verabscheut, verurteilt, gering geschätzt, nicht verehrt und rechnet als im Lebenswandel verkommen. Hat nicht wohl, o König, auch der Ordensältere Sāriputta, als er einstmals nach Sonnenuntergang, zur Nachtzeit, krank war, von dem Ordensälteren Mahā-Moggallāna betreffs Arznei befragt, sich in Worten vergangen? Und ist ihm durch dieses Vergehen in Worten nicht wohl die Arznei zuteil geworden? Und hat daraufhin nicht wohl der Ordensältere Sāriputta gedacht: ‚Durch ein Vergehen in Worten ist mir diese Arznei zuteil geworden. Meine Lebensweise will ich nun doch nicht beflecken!‘ Und aus Furcht, seine Lebensweise zu beflecken, verzichtete er auf jene Arznei, machte er keinen Gebrauch davon. Solche Andeutung in Worten ist tadelhaft, und nicht verzehren die Edlen etwas, das sie etwa auf diese Weise vorher angedeutet hätten. Und jener Mensch wird von der Gemeinschaft der Edlen verachtet, verabscheut, verurteilt, gering geschätzt, nicht verehrt und rechnet als im Lebenswandel verkommen.
Welche Andeutung in Worten aber ist untadelhaft? Wenn da, o König, der Mönch der Arznei bedarf und deutet dies an unter den verwandten Familien, die ihn eingeladen haben, so ist eine solche Andeutung in Worten untadelhaft; und das auf diese Weise Angedeutete verzehren die Edlen. Jener Mensch aber wird von der Gemeinschaft der Edlen gelobt, geschätzt, gepriesen und gilt als lauter im Wandel und rein in der Lebensweise; und sie wurde gebilligt von den Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Die Speise des Brahmanen Kasī-Bhāradvāja aber, die der Vollendete zurückwies, war dargebracht worden, um ihn zu verwirren, um ihn sich herauswinden zu lassen, ihn abzulenken, zu überführen und zum Nachgeben zu zwingen. Darum wies der Vollendete jene Almosenspeise von sich und verzehrte sie nicht.“
„Träufelten wohl, ehrwürdiger Nāgasena, jedesmal, wenn der Vollendete speiste, die Gottheiten himmlischen Lebenssaft in seine Almosenschale, oder geschah dies bloß bei zwei Almosenspeisen: dem weichen Eberfleisch und dem süßen Reisbrei (den er kurz vor seiner Erleuchtung genoß)?“
„Jedesmal, o König, standen die Gottheiten dabei und träufelten ihm von dem himmlischen Lebenssafte auf jeden Bissen, den er zum Munde führte. Gleichwie, o König, während der Fürst beim Speisen ist, der königliche Koch mit der Brühe dabeisteht und etwas davon auf jeden Bissen träufelt: ebenso auch, o König, standen jedesmal, wenn der Vollendete speiste, die Gottheiten mit himmlischem Lebenssafte neben ihm und träufelten ihm etwas davon auf jeden Bissen, den er zum Munde führte. Auch während der Vollendete in Verañjā ausgedörrte Gerstenkörner verzehrte, (Vinaya, Mahāvagga) befeuchteten die Gottheiten, jedesmal bevor sie ihm eines reichten, dasselbe mit himmlischem Lebenssafte. Und dadurch wurde der Körper des Vollendeten gestärkt.“
„Heil jenen Gottheiten, ehrwürdiger Nāgasena, die immer und jederzeit mit solchem Eifer den Körper des Vollendeten behüteten. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“