Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 5

5.5.8. Warum nannte sich der Buddha einen Priester und König?

„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt: ‚Ich, ihr Mönche, bin ein Priester, den Bittenden zugetan.‘ (Itivuttaka 101) Andererseits aber sagte er: ‚Ein König bin ich, Sela!‘ Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, die erste Behauptung zutrifft, so ist die zweite falsch; trifft aber die zweite Behauptung zu, dann muß die erste falsch sein. Der Erhabene kann nur eines sein: entweder ein Adeliger oder ein Priester (Brahmane). Denn nicht kann man in einem und demselben Leben zwei Kasten angehören. Auch das, ehrwürdiger Nāgasena, ist wieder ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun zu lösen hast.“

„Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Das aber hat seinen Grund. Weil nämlich die üblen, schuldvollen Erscheinungen in dem Vollendeten ausgeprustet sind, verlassen, verschwunden, vergangen, zerstört, versiegt, zur Versiegung gelangt, erloschen und gestillt sind: darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt (das Wortspiel ausgeprustet-Priester ist eine versuchte Wiedergabe der Entsprechung in Palibrāhmano-bāhita). Priester ist einer, der dem Schwanken und dem mannigfaltigen Zweifelspfade entronnen ist.

Weil nun aber auch der Erhabene, o König, dem Schwanken entronnen ist, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt. Ein Priester ist einer, der von allen Daseinsfährten losgelöst ist, befreit von Schmutz und Staub, einzigartig, weil nun aber auch der Erhabene, o König, losgelöst ist von allen Daseinsfährten, befreit von Schmutz und Staub, einzigartig: darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt.

Als Priester bezeichnet man den Besten, den Höchsten, der häufig in den edlen, erhabenen, himmlischen Zuständen verweilt; weil nun aber auch der Erhabene häufig in den edlen, erhabenen, himmlischen Zuständen verweilte, darum wird eben der Erhabene ein Priester genannt. Priester ist einer, der die im Lernen und Lehren, im Gabenempfangen, der Zügelung, Beherrschung und Zurückhaltung bestehenden alten Unterweisungen, Bräuche und Überlieferungen aufrecht erhält; weil nun aber auch der Erhabene diese Unterweisungen, Bräuche und Überlieferungen der früheren Sieger (Buddhas) aufrecht erhält, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt.

Ein Priester ist einer, der sich in die Versenkungen vertieft, in erhabenste Glückszustände; weil nun aber auch der Erhabene sich in die Versenkungen vertieft, in erhabenste Glückszustände, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt. Ein Priester ist einer, der bei allen Daseinsfährten weiß, was da an Gattungen (der Wiedergeburt) existiert und vorkommt; weil nun aber auch der Erhabene dies weiß, wird eben der Vollendete ein Priester genannt.

Der Name Priester, o König, wurde dem Erhabenen weder von seinen Eltern gegeben, noch von seinem Bruder oder seiner Schwester oder seinen Freunden und Genossen, noch von Vettern oder Blutsverwandten, noch von Asketen oder Priestern oder Göttern, sondern eben auf Grund ihrer Erlösung tragen alle die Erleuchteten, die Erhabenen diesen Namen. Nachdem diese am Fuße des Erleuchtungsbaumes die Heerschar des Māra vernichtet und die üblen, schuldvollen Erscheinungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgeprustet haben, wird ihnen gleichzeitig mit Erlangung der Allwissenserkenntnis, im Augenblicke, wo ihnen dieselbe zuteil wird, sich offenbart und aufsteigt, die wahre Bezeichnung ‚Priester‘ zuteil. Aus diesem Grunde wird der Vollendete ein Priester genannt.“

„Aus welchem Grunde aber, ehrwürdiger Nāgasena, wird der Vollendete ein König genannt?“

„König nennt man einen, o König, der die Herrschaft ausübt und die Welt unterweist; weil nun aber, o König, der Erhabene in dem zehntausendfachen Weltsystem mit Gerechtigkeit seine Herrschaft ausübt und die Welt mit ihren Himmelswesen, Māras und Göttern und der Schar der Asketen und Priester unterweist, aus diesem Grunde wird der Vollendete ein König genannt.

König ist einer, o König, der, über allen Menschen und Geschöpfen stehend, seinem Verwandtenkreise Freude bringt und die Schar seiner Feinde in Sorge versetzt und seinen außerordentlich glanz- und würdevollen, lauteren, fleckenlosen, lichten Schirm (seiner Herrschaft) ausbreitet, der mit einem festen Stocke aus Kernholz versehen und mit vielen hundert Speichen ausgestattet ist; weil nun aber, o König, der Erhabene, die auf verkehrtem Pfade wandelnde Heerschar Māras in Angst versetzend und die auf dem rechten Pfade wandelnden Menschen und Himmelswesen erfreuend, über das zehntausendfache Weltsystem seinen Schirm ausbreitet, seinen mächtig großen, glanz- und würdevollen, mit dem Stab der Geduld und Willenskraft versehenen und den Strahlen der Erkenntnis ausgestatteten, lauteren, fleckenlosen, lichten Schirm der höchsten, erhabensten Erlösung: darum eben wird der Vollendete ein König genannt.

König ist einer, o König, der von den vielen Menschen, die ihn aufsuchen oder ihn treffen ehrfurchtsvoll begrüßt wird; weil nun aber auch der Erhabene, o König von den vielen Himmelswesen und Menschen ehrfurchtsvoll begrüßt wird, aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt. König ist einer, o König, der an jedem Tüchtigen Gefallen findet, ihm ein auserwähltes Geschenk spendet und ihn nach seinem Wunsch befriedigt, weil nun aber auch der Erhabene, o König, dem in Werken, Worten und Gedanken Tüchtigen ein auserwähltes Geschenk spendet, nämlich die höchste Erlösung von allen Leiden, und ihn so in seinem lauteren Wunsche befriedigt: aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt.

König ist, wer dem gegen das Gesetz Verstoßenden einen Verweis gibt oder ihn mit einer Geldstrafe belegt oder zum Tode verurteilt; weil nun aber auch, o König, der im Orden des Erhabenen gegen die Vorschrift Verstoßende infolge seiner Schamlosigkeit und seines Mißbetragens verachtet wird, Schande erfährt, getadelt wird und aus dem hehren Orden des Erhabenen ausgestoßen wird: aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt.

König ist, wer der ehemaligen, gerechten Könige Überlieferung durch seine Belehrung dem Gesetze gemäß erklärt, in Gerechtigkeit die Herrschaft führt und dadurch den Menschen teuer, lieb und angenehm ist und so für lange Zeiten dem Königshause durch die Eigenschaft seiner Gerechtigkeit Festigkeit verleiht; nun hat aber auch der Erhabene, o König, der ehemaligen ‚Aus Sich Selbst Gewordenen‘, (das ist der Buddhas) Überlieferung durch seine Unterweisung dem Gesetze gemäß erklärt; und in Gerechtigkeit die Welt unterweisend, wurde er Göttern und Menschen lieb, teuer und angenehm und richtete für lange Zeiten durch die Eigenschaft seiner Gerechtigkeit das Gesetz auf.

Aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt. Somit, o König, gibt es zahlreiche Gründe dafür, daß der Vollendete als Priester gelten mag und auch als König. Nicht einmal während eines ganzen Weltzeitalters könnte selbst ein äußerst scharfsinniger Mönch alle Gründe dafür aufzählen. Wozu also noch der vielen Worte? Nimm an, was ich dir kurz dargelegt habe!“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich an.“