Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 5
5.5.7. Konnte sich der Buddha vor Schaden schützen?
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt: ‚Die Werkstatt Ghatīkaras, des Töpfers, blieb während dieser ganzen drei Monate (der Regenzeit) dem freien Himmelsraume ausgesetzt, und doch regnete es nicht hinein.‘ Andererseits heißt es, daß der Regen durch die Hütte Kassapas, des Vollendeten, durchdrang. Wie kommt es nun, ehrwürdiger Nāgasena, daß es in die Hütte des Vollendeten hinein regnete, in dem doch solch hohe Tugend wurzelt? Man sollte doch beim Vollendeten größere Macht annehmen dürfen. Wenn demnach, ehrwürdiger Nāgasena, die erste Behauptung richtig ist, so ist die zweite falsch; ist aber die zweite Behauptung richtig, so muß die erste falsch sein. Auch das, ehrwürdiger Nāgasena, ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun zu lösen hast.“
„Mit beiden Aussagen, o König, hat es seine Richtigkeit. Ghatīkāra, der Töpfer, o König, war sittenrein, dem Guten ergeben, hatte in sich die Grundlagen des Guten entwickelt und pflegte seine alten, blinden Eltern; und in seiner Abwesenheit, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten, nahm man das Stroh von seinem Hause fort und bedeckte damit die Hütte des Erhabenen. Infolge der Wegnahme des Strohes aber empfand er ein unerschütterliches, unbeirrtes, tiefwurzelndes, großes Glück ohnegleichen. Und eine um so größere, unvergleichliche Freude empfand er bei dem Gedanken: ‚Wahrlich, der Erhabene, der Höchste in der Welt, hat ein großes Vertrauen zu mir!‘ Und so ward ihm schon damals ein sichtbarer Lohn beschieden. Nicht wird, o König, der Vollendete durch eine solche kleine Störung beunruhigt. Gleichwie, o König, der Sineru (= Meru), der König der Berge, selbst beim Anpralle von vielen hundert tausend Winden nicht erzittert, erbebt und ins Schwanken gerät, und wie das Weltmeer, diese hehre, erhabene See, trotz der vielen, der unzähligen Flüsse weder voll wird, noch eine Änderung erfährt: ebenso auch, o König, wird der Vollendete durch solche kleine Störung nicht beunruhigt.
Daß es, o König, in die Hütte des Vollendeten hinein regnete, geschah aus Mitleid mit der großen Menge. Angesichts von zwei Gründen nämlich, o König, nehmen die Vollendeten keine, von ihnen selber (durch Magie) erzeugten Bedarfsgegenstände, und zwar: damit, in dem Gedanken, daß er der höchste unter den der Gaben würdigen Meistern sei, die Himmelswesen und Menschen dem Erhabenen die Bedarfsgegenstände spenden und dadurch einst von all den Leidensfährten Befreiung finden; und ferner, damit die anderen sie nicht tadeln und sagen können, daß sie durch Zauberei sich ihren Lebensunterhalt beschaffen. Wenn, o König, Sakka oder Brahma jene Hütte vor Regen geschützt hätte, oder wenn sie von selber so geblieben wäre, so wäre eine solche Handlung tadelnswert gewesen, fehlerhaft und verwerflich, denn die Leute möchten sagen, daß die Buddhas durch ihre Zauberkraft die Welt betören und die Herren spielen wollen. Darum, o König, ist jene Handlung verwerflich. Nicht suchen, o König, die Vollendeten irgend einen Vorteil; und da sie nicht auf ihren Vorteil ausgehen, verdienen sie auch keinen Tadel.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“