Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 5
5.5.6. Hatte der Bodhisatta Ehrfurcht vor dem gelben Gewande?
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat mit Beziehung auf den Elefantenkönig Chaddanta, den Bodhisatta, gesagt:
Als er ihn töten wollt', umfassend mit dem Rüssel,
Merkt' er des Mönches Abzeichen, das gelbe Kleid,
Und schmerzerfüllt dacht er, daß niemals gute Wesen
Dies Abzeichen der Heiligen entweihen würden.
Andererseits aber hat der Erhabene gesagt: ‚Als ich der Brahmanenjüngling Jotipāla war, da schmähte und beschimpfte ich Kassapa, den Erhabenen, Heiligen, Vollkommen Erleuchteten, in unpassenden und rohen Worten, indem ich ihn Kahlkopf und Asketlein nannte.‘ Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, der Bodhisatta als Tier vor dem gelben Gewande Ehrfurcht hatte, so muß die Behauptung, daß er als Brahmanenjüngling den Erhabenen, Kassapa, beschimpft hätte, falsch sein. Andernfalls muß eben die Behauptung, daß der Elefantenkönig vor dem gelben Gewande Ehrfurcht empfunden hätte, falsch sein. Wenn nämlich der Bodhisatta als Elefantenkönig harte, heftige, bittere Schmerzen empfindend, dem von einem Jünger getragenen gelben Gewand Ehrfurcht erwies, warum verehrte er dann nicht als Mensch mit reifem Wissen und Verstande den erhabenen Kassapa, als er ihn erblickte, ihn, den Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten, den zehnfach Gewaltigen, den Weltenlenker, den ganz und gar Erhabenen, von einem klafterbreiten Lichtschein Umflossenen, mit einem äußerst vornehmen, herrlich glänzenden gelben Benaresgewand Bekleideten? Auch das, ehrwürdiger Nāgasena, ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun zu lösen hast.“
„Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Letzteres aber hat der Bodhisatta unter dem Einfluss seiner Herkunft, seiner Familie getan. Der Brahmanenjüngling Jotipāla nämlich stammte aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Diener und Dienerinnen, Knechte und Aufwärter waren Brahma-Anbeter, Brahma-Verehrer; und im Glauben, daß eben die Brahmanen die Höchsten und Edelsten seien, tadelten und verachteten sie alle fremden Mönche. Und da Jotipāla immer von ihnen solche Worte gehört hatte, gebrauchte er, als ihn der Töpfer Ghatikāra zum Besuche des Meisters aufforderte, diese Worte: ‚Was hast du davon, wenn du dir diesen Kahlkopf, dieses Mönchlein ansiehst?‘
Gleichwie, o König, Ambrosia durch Gift bitter, oder kaltes Wasser durch Feuer heiß wird: ebenso auch kam es, o König, daß der Brahmanenjüngling Jotipāala, dadurch daß er aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie stammte, infolge seiner Familie im Wahne befangen, den Vollendeten schmähte und beschimpfte.
Oder: gleichwie, o König, ein brennendes, loderndes, mächtiges, helleuchtendes Feuer, durch Wasser abgekühlt, seinen Glanz und seine Leuchtkraft verliert und die schwarze Farbe von reifen Niggundifrüchten annimmt: genau so, o König, verhielt es sich mit dem Brahmanenjüngling Jotipāla. Zwar war dieser voll Tugend und Vertrauen und leuchtete weithin mit seinem Wissen, doch da er aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie stammte, kam es, daß er, infolge seiner Familie im Wahne befangen, den Vollendeten schmähte und beschimpfte. Als er aber hingegangen war und des Erleuchteten Vorzüge erkannt hatte, da nahm er gleichsam die Stellung eines Dieners an. Und unter des Siegers Weisung der Welt entsagend, erwirkte er die höheren Geisteskräfte und die Erreichungszustände, und gelangte in der Brahmawelt wieder zum Dasein.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“