Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 5
5.5.5. War der Bodhisatta jemals grausam gesinnt?
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt: ‚Schon früher, als Mensch, hegte ich friedfertige Gesinnung gegen die Wesen.‘ Andererseits aber sagte er: ‚Als ich Lomasa-Kassapa war, der Einsiedler, da ließ ich viele hunderte von Tieren hinschlachten und brachte das „Krafttrankopfer“ (Vgl. Jātaka 433. Das erwähnte Opfer ist eines der sieben großen vedischen Soma-Opfer) dar.‘ Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene gesagt hat, daß er früher als Mensch friedfertige Gesinnung gegen die Wesen hegte, so ist eben die Aussage, daß er früher viele hunderte von Tieren hätte hinschlachten lassen, falsch. Hat er dies aber dennoch getan, so muß die Behauptung, daß er friedfertige Gesinnung gegen die Wesen hegte, eben falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir nun zu lösen hast.“
„Beide Aussagen, o König, haben ihre Richtigkeit. Daß der Bodhisatta die vielen hunderte von Tieren hat schlachten lassen, geschah aus Begehren und als er von Sinnen war, nicht bei klarem Geiste.“
„Acht Arten von Menschen sind es, ehrwürdiger Nāgasena, die lebende Wesen umbringen. Welche acht?
- Der Gierige tötet aus Gier,
- der Gehässige aus Haß,
- der Verblendete aus Verblendung,
- der Dünkelhafte aus Dünkel,
- der Habsüchtige aus Habsucht,
- der Mittellose des Lebensunterhaltes wegen,
- das Kind aus Torheit (oder: „der Tor zu seinem Vergnügen“,bālo-hassavasena) und
- der König der Disziplin wegen.
Nach seiner natürlichen Veranlagung, ehrwürdiger Nāgasena, hat also der Bodhisatta gehandelt.“
„Nein, o König, nicht hat der Bodhisatta nach seiner natürlichen Veranlagung gehandelt; denn hätte er in seiner natürlichen Veranlagung die Neigung gehabt, das große Opfer darzubringen, so hätte er nicht den Vers gesprochen:
Nicht möcht' ich selbst die weite Welt,
Vom Meer umgrenzt, vom Meer umringt,
Besitzen, wenn mir's Schande bringt:
Das wahrlich, Sayho, merke dir!
Trotz dieser Worte, o König, war der Bodhisatta schon beim bloßen Anblick der Königstochter Candavatī von Sinnen, im Geiste verwirrt, außer Fassung gebracht, durch und durch verworren und erregt. Und in diesem verwirrten, unsteten, aufgewühlten Geisteszustand brachte er das von dem dahinfließenden Blut der Tiermorde begleitete außerordentlich große Krafttrankopfer dar.
Ein Geistesgestörter, o König, mag in seiner verwirrten Geistesverfassung selbst in ein brennendes Feuer hineinlaufen, oder eine gereizte Giftschlange anfassen, oder auf einen wilden Elefanten losstürzen, oder sich ins Meer hinauswagen, ohne auf das Ufer zu achten, oder vielerlei andere verkehrte Handlungen verüben. Genau so, o König, stand es mit dem Bodhisatta.
Das in verwirrtem Geisteszustand verübte Böse, aber, o König, ist weder für dieses Leben ein großes Übel, noch auch hinsichtlich seiner Wirkung in einem zukünftigen Leben. Wenn da ein Geistesgestörter einen Mord verübt, mit welcher Strafe würdest du diesen wohl belegen?“
„Was sollte wohl ein Wahnsinniger für eine Strafe erhalten? Wir würden einem solchen Prügel zuerteilen und ihn dann wieder laufen lassen. Das würde seine ganze Strafe sein.“
„Für das Vergehen eines Geistesgestörten, o König, gibt es also keine Strafe. Darum ist die von einem Geistesgestörten verübte Handlung kein Verbrechen und ist verzeihlich. So auch, o König, war der Einsiedler Somasa-Kassapa schon beim bloßen Anblick der Königstochter Candavatī von Sinnen, im Geiste verwirrt, außer Fassung gebracht, durch und durch verworren und erregt. Und in diesem verwirrten, unsteten, aufgewühlten Geisteszustand brachte er das von dem dahinfließenden Blut der Tiermorde begleitete außerordentlich große Krafttrankopfer dar. Als er aber wieder in seinen natürlichen Zustand zurückgekehrt war, da zog er wieder in die Hauslosigkeit hinaus. Und nachdem er die fünf höheren Geisteskräfte (Die sechste Geisteskraft des Wissens von der Triebversiegung,āsava-kkhaya-ñāna, erreicht nur der Heilige,arahat) sich erwirkt hatte, gelangte er in der Brahmawelt wieder zum Dasein.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“