Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 5
5.5.4. Hat der Buddha den Achtfachen Pfad selber geschaffen?
„Ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene hat gesagt: ‚Der Vollendete, ihr Mönche, der Heilige, Vollkommen Erleuchtete, ist des unentdeckten Pfades Eröffner.‘
Andererseits aber sagte er: ‚Erkannt habe ich, ihr Mönche, den alten Pfad, den alten Weg, auf dem schon früher die Vollkommen Erleuchteten gewandelt sind.‘
Wenn also die erste Behauptung richtig ist, so ist die zweite falsch. Ist aber die zweite Behauptung richtig, so muß eben die erste falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du nun zu lösen hast.“
„Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Und beides sind den Tatsachen entsprechende Aussagen. Mit dem Verschwinden der früheren Erleuchteten nämlich, o König, ist, da es an einem Unterweiser fehlte, auch (allmählich) der Pfad verschwunden. Insofern aber der Vollendete den zerstörten, zerfallenen, verborgenen, versteckten, verhüllten Pfad, den nicht mehr betretenen, mit seinem Weisheitsauge wieder entdeckt hat, hat er eben den schon von den früheren Vollkommen Erleuchteten betretenen Pfad wieder erkannt. Aus diesem Grund sagte er: ‚Erkannt habe ich, ihr Mönche, den alten Pfad.‘ Weil er aber diesen nicht mehr betretenen Pfad jetzt mit seinem Weisheitsauge erkennend, wieder gangbar gemacht hat, darum sagte er, daß er des unentdeckten Pfades Eröffner sei.
Da, o König, liegt nach dem Verschwinden des einen Weltherrschers das magische Edelsteinjuwel im Innern des Berggipfels verborgen; beim rechten Wandel eines andern Herrschers aber erscheint es wieder. Hat nun dieser letztere, o König, jenen Edelstein erzeugt?“? (Dieses geheimnisvolle Edelsteinjuwel ist eines der sogenannten sieben Kleinode eines Weltherrschers)
„Nein, o Ehrwürdiger, sondern das ursprüngliche Edelsteinjuwel hat er bloß wieder erscheinen lassen.“
„Ebenso auch, o König, war der ursprüngliche, schon von den früheren Erleuchteten befolgte, achtfache, glückverheißende Pfad,—da es an einem Unterweiser fehlte,—zerstört, zerfallen, verborgen, versteckt und verhüllt und unbetreten, und der Erhabene hat ihn mit seinem Weisheitsauge wieder entdeckt und hat ihn erschlossen und gangbar gemacht. Aus diesem Grunde eben hat er gesagt: ‚Der Vollendete, ihr Mönche, der Vollkommen Erleuchtete ist des unentdeckten Pfades Eröffnern.‘
Es ist damit genau so, o König, wie wenn man die Mutter, die den doch schon vorher in ihrem Leibe befindlichen Sohn zur Welt bringt, als seine Erzeugerin bezeichnet. Oder wenn ein Mann etwas Verlorengegangenes wieder gefunden hat, so sagt man, daß er jenen Gegenstand wieder Zutage gefördert habe. Oder wenn, o König, ein Mann den Wald lichtet und ein Stück Land erschließt, so sagen die Leute von ihm, daß dies sein Land sei, obwohl doch dieses Land gar nicht von ihm erschaffen wurde; aber weil er dieses Land nutzbar gemacht hat, gilt er als der Herr des Landes. Genau so, o König, hat der Vollendete den bereits vorhandenen, aber noch unbetretenen Pfad mit seinem Weisheitsauge wieder entdeckt und hat ihn erschlossen und gangbar gemacht. Und aus diesem Grunde sagte er: ‚Der Vollendete, ihr Mönche, der Heilige, Vollkommen Erleuchtete, ist des unentdeckten Pfades Eröffnern“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“