Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 6

6.1.6. Hat der Heilige Gewalt über seinen Körper?

„Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Heilige nur noch eine Art der Schmerzen empfinden mag und zwar den körperlichen Schmerz, nicht mehr den geistigen. Ist denn, ehrwürdiger Nāgasena, der Heilige über den Körper, auf den doch seine eigene Bewußtseinstätigkeit gestützt ist, nicht Herr und Meister; hat er denn nicht Gewalt darüber?“

„Nein, o König.“

„Das ist aber nicht recht, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Heilige über den sein eigenes Bewußtsein im Gange haltenden Körper nicht Herr und Meister sein und keine Gewalt darüber haben sollte. Selbst der Vogel ist doch Herr und Meister über das Nest, das er bewohnt, hat Gewalt darüber.“

„Zehn dem Körper anhaftende Erscheinungen, o König, begleiten und verfolgen den Körper von Dasein zu Dasein: welche zehn? Kälte Hitze, Hunger, Durst, Kot, Urin, Stumpfheit und Mattigkeit , Alter, Krankheit, Tod. Hierüber ist der Heilige nicht Herr und Meister, hat keine Gewalt darüber.“

Diese beiden Begriffe (thīna-middha) werden hier offenbar als körperliche Zustände aufgefaßt. Im Pāli-Kanon erscheinen sie jedoch als geistige Hemmungen (nīvarana), von denen der Heilige frei ist. Auch in einem der alten Lehrkompendien, dem „Weg zur Freiheit“ (Vimutti-Magga) gelten sie als körperlich, was jedoch in Buddhaghosas „Der Weg zur Reinheit“ (Visuddhi-Magga) verworfen wird.

„Warum, ehrwürdiger Nāgasena, hat wohl der Heilige keine Gewalt über den Körper? Erkläre mir den Grund hierfür!“

„Die auf der Erde wohnenden Wesen, o König, bewegen sich und leben doch alle auf der Erde. Haben diese etwa Herrschaft und Macht über die Erde?“

„Nein, o Ehrwürdiger.“

„Ebenso auch, o König, stützt sich zwar die Bewußtseinstätigkeit des Heiligen auf den Körper; aber dennoch hat der Heilige keine Herrschaft und Macht darüber.“

„Aus welchem Grunde nun wohl, ehrwürdiger Nāgasena, mag der Weltling (puthujjana) beide Arten des Schmerzes empfinden, körperlichen und geistigen?“

„Weil er seinen Geist nicht entfaltet hat, o König. Gleichwie etwa, o König, ein von Hunger und Durst gequälter Büffel, den man mit einem schwachen, morschen, dünnen Strohseile oder mit einer Ranke angebunden hat, sobald er erregt wird, sich losreißt und mit seiner Fesselung davon läuft: ebenso auch, o König, bringt bei dem im Geiste Unentfalteten der (körperliche) Schmerz, sobald er aufsteigt, den Geist in Erregung. Ist aber der Geist erregt, so drängt er den Körper hier- und dorthin, treibt ihn im Kreise herum. Und jener im Geiste Unentfaltete bebt und schreit stößt Schreie des Entsetzens aus. Das ist eben der Grund, o König daß der Weltling noch beide Arten des Schmerzes empfinden mag.“

„Was aber, ehrwürdiger Nāgasena, ist der Grund, daß der Heilige nur noch eine Art des Schmerzes empfinden mag, den körperlichen und nicht mehr den geistigen?“

„Der Geist des Heiligen, o König, ist gepflegt und wohl entfaltet, bezähmt und wohl beherrscht, gehorsam, folgsam aufs Wort. Und wird der Heilige von einem (körperlichen) Schmerzgefühl berührt, so faßt er den Gedanken der Vergänglichkeit fest, bindet gleichsam seinen Geist an den Pfeiler der Sammlung. Ist aber sein Geist an den Pfeiler der Sammlung gebunden, so erbebt und erzittert er nicht, bleibt standhaft und unbeirrt, während sein Körper unter dem Einfluss der störenden Schmerzen sich hin und her krümmen und winden mag. Das, o König, ist der Grund, daß der Heilige nur noch eine Art des Schmerzes empfinden mag, den körperlichen Schmerz und nicht mehr den geistigen.“

„Wunderbar ist es doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß da trotz der Erregung des Körpers der Geist nicht erregt wird. Erkläre mir den Grund hierfür!“

„Wenn da zum Beispiel, o König, ein mächtiger, gewaltiger Baum, mit gesundem Stamme, Ast- und Blätterwerk, von der Gewalt des Windes getroffen wird, so mögen zwar die Zweige erzittern. Tut es etwa aber auch der Stamm?“

„Das nicht, o Ehrwürdiger.“

„Ebenso auch, o König, mag unter dem Einfluss störender Schmerzen der Körper des Heiligen sich hin und her krümmen und winden. Sein Geist aber, o König, erbebt und erzittert nicht mehr, gleichwie der Stamm des Baumes nicht erzittert.“

„Wunderbar, ehrwürdiger Nāgasena! Erstaunlich, ehrwürdiger Nāgasena! Noch nie zuvor habe ich eine Leuchte des Gesetzes gesehen, die zu jeder Zeit so leuchtete.“