Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 6

6.1.8. Was ist der Unterschied zwischen dem sittenlosen Weltmenschen und dem sittenlosen Asketen?

„Was für ein Unterschied, ehrwürdiger Nāgasena, besteht zwischen einem sittenlosen Weltmenschen und einem sittenlosen Asketen? Wodurch unterscheiden sich beide? Wenn beide genau denselben Wandel führen, ist da wohl beiden genau dasselbe Los beschieden, oder besteht da irgend ein Unterschied?“

„In zehn Eigenschaften, o König, ist der sittenlose Asket dem sittenlosen Weltmenschen überlegen; und aus ferneren zehn Gründen verleiht er einer Gabe Lauterkeit.

In welchen zehn Eigenschaften aber ist der sittenlose Asket dem sittenlosen Weltmenschen überlegen? Da, o König, hat der sittenlose Asket Ehrfurcht vor dem Erleuchteten, er hat Ehrfurcht vor dem Gesetze, hat Ehrfurcht vor der Jüngerschaft, hat Ehrfurcht vor seinen Ordensbrüdern; er bemüht sich um das Rezitieren (der Lehrtexte) und um Befragung (nach ihrem Sinn), er hat viel gelernt; trotzdem er seine Sittengelübde gebrochen hat, bewahrt er unter den Leuten immerhin den äußeren Anstand, aus Furcht vor Tadel wacht er über seine Worte und Handlungen; sein Geist ist der Strebsamkeit zugewandt; er gehört der Gemeinschaft der Mönche an, selbst wenn der sittenlose Asket etwas Böses verübt, so tut er es heimlich, genau wie eine verheiratete Frau nur versteckt und im Geheimen sich vergeht. Dies, o König, sind die zehn guten Eigenschaften, in denen der sittenlose Asket den sittenlosen Weltmenschen übertrifft.

Aus welchen zehn Gründen aber verleiht er einer Gabe Lauterkeit? Weil er den unverletzlichen Panzer trägt (das gelbe Gewand); weil er nach Art der weisen Einsiedler geschoren ist und so deren Abzeichen trägt; weil er in die Ordensgemeinschaft eingetreten ist; weil er zum Erleuchteten, zum Gesetze und zur Jüngerschaft Zuflucht genommen hat; weil er in einer zum Streben geeigneten Behausung wohnt; weil er den Schatz der Botschaft des Siegreichen erforscht; weil er das erhabene Gesetzt darlegt; weil die Leuchte der Wahrheit seine Zuflucht und Stütze ist; weil er die vollkommen aufrichtige Überzeugung hat, daß der Buddha der Höchste ist; weil er den Feiertag (uposatha) befolgt. Dies, o König, sind die zehn Gründe, warum der sittenlose Asket einer Gabe Lauterkeit verleiht. Ja, sogar ein völlig auf Abwege geratener, sittenloser Asket, o König, verleiht den Gaben der Almosenspender Lauterkeit, gerade wie selbst trübes Wasser Kot, Schlamm, Staub und Schmutz fortspülen mag; oder wie heißes, ja selbst kochendes Wasser eine gewaltige, flackernde Feuersglut zum Verlöschen bringt; oder wie selbst eine geschmacklose Speise die durch Hunger hervorgerufene Entkräftung vertreiben mag. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, sagt in der edlen, ausgezeichneten Sammlung der Mittleren Lehrreden (Nr. 142) in der ‚Lehrrede über das Almosengeben‘: