Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 7

6.2.1. Bildet das Lernen kein Hindernis für den Mönch?

„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt: ‚Durch der Vielfalt Aufhebung beglückt möget ihr verweilen, o Mönche, an der Vielfalt Aufhebung Freude empfinden.‘

(Dies ist einer der „acht Gedanken eines großen Mannes“. Siehe A.VIII.30)

Was aber ist jene Aufhebung der Vielfalt?“

(Nippapañca, „das Nicht-Vielfältige“, d.i. das Nibbāna.Papañcabedeutet in diesem Zusammenhang die gewaltige Vielfalt der Wandelwelt, des Samsāra. Dieser wird erstmalig eine Grenze gesetzt durch den Stromeintritt und sie ist endgültig aufgehoben für den Heiligen)

„Das ‚Ziel des Stromeintrittes‘, o König, ist der Vielfalt Aufhebung; das ‚Ziel der Einmal-Wiederkehr‘ ist der Vielfalt Aufhebung; das ‚Ziel der Niewiederkehr‘ ist der Vielfalt Aufhebung; das ‚Ziel der Heiligkeit‘ ist der Vielfalt Aufhebung.“

„Wenn dies aber, o ehrwürdiger Nāgasena, der Vielfalt Aufhebung ist, warum beschäftigen sich dann die Mönche mit dem Hersagen und Besprechen der Lehrreden, der mit Versen vermischten Prosa, der Erklärungen, der Verse, der Feierlichen Aussprüche, der Geburtsgeschichten, der Worte des Meisters, der Außergewöhnlichen Dinge und der Zergliederungen (diese sind die „neun Arten der Botschaft des Buddha„,sāsana), und warum lassen sie sich stören durch Reparaturarbeiten, durch Gaben und Verehrung? Verrichten sie denn damit nicht Werke, die der Siegreiche verworfen hat?“

„Nein, o König. Alle die Mönche, die so handeln, streben danach, der Vielfalt Aufhebung zu erreichen. Zwar mögen diejenigen, o König, die von Natur aus rein sind und im Besitz von früheren (vorgeburtlichen) Eindrücken, in einem einzigen Bewußtseinsaugenblick der Vielfalt Aufhebung erreichen.

Diejenigen Mönche aber, o König, deren Augen noch stark vom Staub der Leidenschaften getrübt sind, werden eben bloß durch diese Mittel die Aufhebung der Vielfalt erreichen. Da zum Beispiel sät ein Mann auf einem Feld Samen aus. Und er vermag mit eigener Kraft und Stärke und Anstrengung, ohne jede Einzäunung, das Korn zur Reife zu bringen. Ein anderer Mann aber geht, nachdem er in seinem Feld den Samen gesät hat, in den Wald, schlägt dort Stöcke und Zweige ab; und nachdem er eine Einzäunung hergestellt hat, läßt er das Korn reifen. Wenn der Mann also darauf ausging, eine Einzäunung herzustellen, so geschah das eben dem Korn zuliebe. Ebenso auch, o König, mögen diejenigen, die von Natur aus rein sind und im Besitz von früheren Eindrücken, in einem einzigen Bewußtseinsaugenblicke die Aufhebung der Vielfalt erreichen, gerade wie ohne die Einzäunung jener Mann das Korn zur Reife brachte.

Diejenigen Mönche aber, o König, deren Augen noch stark vom Staube getrübt sind, werden eben bloß durch diese Mittel die Aufhebung der Vielfalt erreichen, gerade wie der Mann, der zuerst eine Einzäunung herstellen mußte, bevor er das Korn ernten konnte. Oder: gesetzt, o König, auf dem Gipfel eines gewaltig hohen Mangobaumes befinde sich ein Bündel Früchte. Wer da nun magische Kräfte besitzt, mag dort hinaufsteigen und sich die Früchte wegholen; wer da aber keine magischen Kräfte besitzt, muß sich erst Stöcke und Schlingpflanzen abschneiden, sich daraus eine Leiter anfertigen und auf dieser den Baum erklimmen, um sich die Früchte holen zu können. Wenn da nun dieser Mann sich nach einer Leiter umsah, so geschah das eben den Früchten zuliebe. Ebenso auch, o König, mögen diejenigen, die von Natur aus rein sind und im Besitz von früheren Eindrücken, in einem einzigen Bewußtseinsaugenblicke die Aufhebung der Vielfalt erreichen, gerade wie einer durch magische Kraft die Früchte vom Baume pflücken möchte.

Diejenigen Mönche aber, o König, deren Augen noch stark vom Staube getrübt sind, werden eben bloß durch diese Mittel die Aufhebung der Vielfalt erreichen, gerade wie der eine Mann nur vermittelst einer Leiter sich die Früchte vom Baume holen konnte. Oder: wie, o König, ein geschäftstüchtiger Mann ganz allein zu seinem Herren geht und die Geschäfte erledigt, während ein Reicher vcrmittelst seines Reichtums erst Anhänger sammelt und dann mit deren Hilfe das Geschäft zum Abschluß bringt—das Suchen nach Anhängern geschah eben dem Geschäft zuliebe—: ebenso auch, o König, mögen alle diejenigen, die von Natur aus rein sind und im Besitz von früheren (vorgeburtlichen) Eindrücken, in einem einzigen Bewußtseinsaugenblicke die Meisterschaft über die sechs Geisteskräfte erlangen, gerade wie der Mann, der ganz allein die Geschäfte erledigte.

Diejenigen Mönche aber, o König, deren Augen noch stark vom Staube getrübt sind, vermögen nur durch solche Mittel den Sinn des Asketentums zu verwirklichen, gerade wie der eine Mann nur mit Hilfe seiner Anhänger die Geschäfte zum Abschluß bringen konnte.

Für alle diese zu erwirkenden Dinge, o König, ist das Hersagen (von Texten) von hohem Segen, ist die Besprechung von hohem Segen, ist das Reparieren der Wohnungen von hohem Segen, sind Gaben und Verehrung von hohem Segen; gerade wie ein Mann, der mit dem Könige verkehrt, geachtet ist von den Ministern, Soldaten, Boten, Torwächtern, Leibwachen und dem Gefolge, und ihm diese alle bei eintretender Gelegenheit eine große Stütze sind. Wären, o König, alle von Geburt aus lauter, so brauchte man keine Unterweiser. Weil aber eben nicht alle von Geburt aus lauter sind, deshalb bedarf man der Belehrung.

Der Ordensältere Sāriputta, o König, hatte zwar eine unbegrenzte, unermeßliche Zeit hindurch die Grundlagen des Guten in sich angehäuft und den Gipfel des Wissens erreicht. Aber nicht einmal er war imstande, ohne das Gesetz zu hören, die Versiegung der Leidenschaften zu erreichen. Darum, o König, ist das Lernen von hohem Segen, ebenso das Hersagen und die Besprechung. Darum wird auch das Hersagen und die Besprechung (des Gesetzes) als die Aufhebung der Vielfalt, als ‚ungeworden‘ bezeichnet.

„Gut ausgesonnen, ehrwürdiger Nāgasena, hast du das Problem. So ist es, und so nehme ich es an.“