Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 7
6.2.2. Warum kann man nach Erreichung der Heiligkeit nicht im Weltleben verbleiben?
„Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß für einen, der als weltlicher Anhänger die Heiligkeit erreicht hat, bloß zwei Möglichkeiten offen stehen, keine dritte: daß er entweder noch an demselben Tage seiner Erreichung dem Weltleben entsagt, oder aber daß er abscheidet und keinen Tag länger am Leben bleibt. Wenn dieser nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, an jenem Tage keinen Lehrer oder Berater finden oder Gewand und Almosenschale nicht erlangen sollte, würde er dann wohl als Heiliger aus sich selber heraus Mönch werden, oder würde er noch einen Tag warten, oder würde etwa irgend ein magiegewaltiger Heiliger kommen und ihn in den Orden aufnehmen? Oder würde er etwa abscheiden?“
„Nicht würde, o König, jener Heilige sich selber zum Mönche machen; denn wenn jemand sich selber zum Mönche macht, begeht er einen Diebstahl (d.h. er hat sich selber unrechtmäßig in das Mönchsgewand eingekleidet, das ihm, der Ordensregel gemäß, in gültiger Weihe von seinem Lehrer gegeben werden muß). Keinen Tag länger würde er am Leben bleiben. Ob da ein anderer Heiliger kommt, oder ob er nicht kommt er würde noch an demselben Tage abscheiden, ins endgültige Nibbāna eingehen.“
„Doch dadurch, ehrwürdiger Nāgasena, wird ja der friedvolle Zustand des Heiligen verlassen, wenn dem, der ihn erreicht, das Leben entschwindet.“
„Unpassend, o König, sind für einen solchen die äußeren Bedingungen des weltlichen Anhängers. Bei unpassenden äußeren Bedingungen aber muß, eben infolge der Unzulänglichkeit der äußeren Bedingungen, der zur Heiligkeit gelangte weltliche Anhänger entweder noch an demselben Tage Mönch werden, oder aber er scheidet ab. Dafür, o König, trifft die Heiligkeit keine Schuld, sondern eben bloß die äußeren Bedingungen des weltlichen Anhängers, nämlich die Unzulänglichkeit dieser Bedingungen. Oder: wenn da die Nahrung, die doch für alle Wesen lebenerhaltend und lebenschützend ist, einem Menschen mit schlechtem Magen und langsamer, schwacher Verdauung infolge der ungenügenden Verdauung das Leben kosten mag, so liegt doch die Schuld nicht an der Speise, sondern eben am Magen und an der schlechten Verdauung. Oder: wie der winzige Grashalm, auf den man einen schweren Stein legt, infolge seiner Schwäche umknickt, sich umbiegt,—oder wie ein schwacher, kraftloser Mann, von niedriger Herkunft und geringen (in früherem Leben gewirkten) Verdiensten, der in den Besitz eines großen Reiches gelangen sollte, sofort wieder gestürzt und zu Falle gebracht würde und zurück träte und außerstande wäre, die Herrschaft zu behalten: ebenso auch, o König, kann der zur Heiligkeit gelangte weltliche Anhänger unter jenen Bedingungen die Heiligkeit nicht ertragen. Und aus diesem Grunde wird er noch an demselben Tage Mönch, oder er scheidet ab.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“