Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 8
6.3.10. Kann man das Nibbāna beschreiben?
„Ihr sprecht da vom Nibbāna, ehrwürdiger Nāgasena. Läßt sich nun wohl Form, Gestalt, Dauer oder Größe dieses Nibbāna durch Gleichnisse, Gründe, Ursachen und Schlußfolgerungen erklären?“
„Nein, o König, unvergleichbar ist das Nibbāna.“
„Dem stimme ich nicht bei, ehrwürdiger Nāgasena, daß man vom Nibbāna, das doch wirklich etwas Existierendes ist, nicht Form, Gestalt, Dauer oder Größe angeben könne. Überzeuge mich denn davon anhand von Beweisen!“
„Gut, o König, ich werde dich durch Gleichnisse davon überzeugen. Gibt es wohl ein Weltmeer?“
„Gewiß, o Ehrwürdiger.“
„Wenn aber, o König, dich jemand darnach fragen sollte, wieviel Wasser sich im Weltmeere befinde, und wieviele Wesen darin hausen, was würdest du diesem auf seine Frage erwidern?“
„Ich würde sagen: ‚Lieber Mann, du fragst mich da etwas, das man nicht zu fragen hat. Eine solche Frage darf niemand stellen. Abzuweisen ist eine solche Frage. Und nie haben die Naturbeschreiber das Weltmeer so erklärt. Denn nicht möglich ist es, das Wasser des Weltmeeres zu messen oder die darin hausenden Wesen zu zählen!‘ Das würde ich diesem erwidern.“
„Warum aber, o König, würdest du betreffs des Weltmeeres, was doch etwas wirklich Existierendes ist, eine solche Antwort geben? Solltest du nicht eher das Weltmeer messen und jenem mitteilen, daß sich so und soviel Wasser darin befinde, und soviel Wesen darin hausen?“
„Das kann ich nicht, o Ehrwürdiger. Dieses Problem geht über meine Kräfte.“
„Gerade wie du, o König, von dem Weltmeere, das doch etwas wirklich Existierendes ist, sagst, daß man weder sein Wasser messen, noch die darin hausenden Wesen zählen könne: so auch kann man vom Nibbāna, obwohl es etwas wirklich Existierendes ist, dennoch keine Form, Gestalt, Dauer und Größe angeben. Doch möchte ein Magiegewaltiger, Geistesmächtiger eher imstande sein, das Wasser des Weltmeeres zu messen und die darin hausenden Wesen zu zählen, als die Form, Gestalt, Dauer und Größe des Nibbāna anzugeben. Aber noch einen weiteren Vergleich sollst du hören. Gibt es nicht wohl unter den Göttern solche, die man als die Formlosen Götter bezeichnet?“
„Ja, o Ehrwürdiger. Davon habe ich gehört.“
„Kann man nun wohl, o König, die Form, Gestalt, Dauer und Größe dieser Götter durch ein Gleichnis klarmachen?“
„Nein, o Ehrwürdiger.“
„Dann gibt es also, o König, keine Götter der Formlosen Welt.“
„Es gibt, o Ehrwürdiger, solche Götter, doch ihre Form läßt sich nicht erklären.“
„Genau so aber, o König, verhält es sich mit dem Nibbāna.“
„Gut, ehrwürdiger Nāgasena, es sei zugegeben, daß das Nibbāna ein vollkommenes Glück ist. doch daß man nicht imstande ist, seine Form anzugeben. Gibt es nun aber irgend ein Merkmal des Nibbāna, das sich auch in anderen Dingen findet, irgend etwas, das sich wenigstens durch ein Gleichnis andeuten ließe?“
„Nicht hinsichtlich seiner wahren Beschaffenheit, o König, wohl aber hinsichtlich seiner Merkmale läßt sich einiges durch Gleichnisse andeuten.“
„Schön, ehrwürdiger Nāgasena. So künde es mir denn bald, damit ich wenigstens über einen Punkt, über die Merkmale des Nibbāna, eine Erklärung habe. Lösche die Glut meines Herzens und stille sie mit dem kühlenden, linden Hauch deiner Worte!“
„Ein Merkmal der Lotosblume, o König, findet sich im Nibbāna. Zwei Merkmale des Wassers finden sich darin, drei Merkmale der Arznei, vier Merkmale des Weltmeeres, fünf Merkmale der Nahrung zehn Merkmale des Raumes, drei Merkmale des Edelsteinjuwels, drei Merkmale des roten Sandelholzes, drei Merkmale des Butterölschaumes und fünf Merkmale des Berggipfels.“
„Ein Merkmal der Lotosblume, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, finde sich im Nibbāna; welches ist dieses eine Merkmal?“
„Gleichwie, o König, die Lotosblume vom Wasser unberührt bleibt, so bleibt das Nibbāna von allen Leidenschaften unbefleckt. Dies ist das eine Merkmal.“
„Zwei Merkmale des Wassers, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, fänden sich im Nibbāna; welches sind diese beiden?“
„Gleichwie, o König, das Wasser kühl ist und die Glut löscht, so ist das Nibbāna kühlend und löscht die Glut aller Leidenschaften. Dies ist das erste Merkmal. Wie fernerhin das Wasser den erschöpften und schmachtenden, von Durst und Hitze gequälten menschlichen und tierischen Geschöpfen den Durst stillt, so stillt das Nibbāna den Durst der Sinnengier, der Daseinsgier und der Selbstvernichtungsgier. Dies ist das zweite Merkmal.“
„Drei Merkmale der Arznei, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, finden sich im Nibbāna; welches sind diese drei?“
„Gleichwie, o König, die Arznei für die Menschen, die an einer Vergiftung leiden, eine Zuflucht bildet, so ist das Nibbāna die Zuflucht für die von den Leidenschaften geplagten Wesen. Dies ist das erste Merkmal. Wie fernerhin die Arznei den Krankheiten ein Ende macht, so macht das Nibbāna allem Leiden ein Ende. Dies ist das zweite Merkmal. Wie fernerhin die Arznei ein ambrosischer Trank ist, so auch ist es das Nibbāna. Dies ist das dritte Merkmal.“
„Vier Merkmale des Weltmeeres, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, finden sich im Nibbāna; welches sind diese vier?“
„Gleichwie, o König, das Weltmeer sich aller Leichen entledigt, so ist das Nibbāna ledig jeder Leidenschaft. Dies ist das erste Merkmal. Wie fernerhin das Weltmeer gewaltig ist, uferlos, und trotz aller Zuflüsse nie ganz voll wird, so ist das Nibbāna gewaltig, ohne Diesseits und Jenseits, und wird trotz aller Wesen (die es erreichen) niemals voll. Dies ist das zweite Merkmal. Wie fernerhin das Weltmeer die Behausung mächtiger Geschöpfe bildet, so bildet das Nibbāna eine Stätte großer Heiliger, fleckenloser, leidenschaftserlöster, machtbegabter, willensgewaltiger Wesen. Dies ist das dritte Merkmal. Wie fernerhin das Weltmeer mit den wie Blüten aussehenden unzählbaren, mannigfachen, mächtigen Wellen bedeckt ist, so ist das Nibbāna bedeckt mit den unzähligen, mannigfachen, großen, unbefleckten, lauteren Blüten des Wissens und der Erlösung. Dies ist das vierte Merkmal.“
„Fünf Merkmale der Nahrung, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, finden sich im Nibbāna; welches sind diese fünf?“
- „Gleichwie, o König, die Nahrung alle Wesen am Leben erhält, so ist das Nibbāna, einmal verwirklicht, der Erhalter des Lebens, indem es Alter und Tod ein Ende setzt (dies ist wohl nur ein mißglückter Vergleich. Es war sicher nicht die Absicht, hiermit Nibbāna als einen Zustand ewigen Lebens zu bezeichnen). Dies ist das erste Merkmal.
- Wie fernerhin die Nahrung allen Wesen Kraft verleiht, so bringt das Nibbāna, einmal verwirklicht, in allen Menschen höhere Kräfte zur Entfaltung. Dies ist das zweite Merkmal.
- Wie fernerhin die Nahrung allen Wesen Schönheit verleiht, so verleiht das Nibbāna, einmal verwirklicht, allen Wesen Tugendschönheit. Dies ist das dritte Merkmal.
- Wie fernerhin die Nahrung aller Wesen Qualen lindert, so stillt das Nibbāna, einmal verwirklicht, in allen Wesen die Qual der Leidenschaften.
- Dies ist das vierte Merkmal. Wie fernerhin die Nahrung in allen Wesen den Hunger und Durst vertreibt, so vertreibt das Nibbāna, einmal verwirklicht, in allen Wesen des ganzen Leidens Hunger und Schwäche. Dies ist das fünfte Merkmal.“
„Zehn Merkmale des Raumes, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, fänden sich im Nibbāna; welches sind diese zehn?“
„Gleichwie, o König, der Raum nicht entsteht, altert und stirbt, weder verschwindet noch wiedererscheint und unüberwindbar ist, gesichert gegen den Raub durch Diebe, ohne Stützpunkt, von Vögeln belebt, Unbeschränkt und unendlich: ebenso auch entsteht, altert und stirbt das Nibbāna nicht, verschwindet nicht und erscheint nicht wieder, kann nicht bezwungen oder geraubt werden, ist unabhängig, die Fährte der Edlen, unbeschränkt und unendlich. Dies sind die zehn Merkmale.“
„Drei Merkmale des (magischen) Edelsteinjuwels, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, finden sich im Nibbāna; welches sind diese drei?“
„Gleichwie, o König, das Edelsteinjuwel alle Wünsche erfüllt, Freude erweckt und Helligkeit verbreitet, so auch tut es das Nibbāna. Dies sind die drei Merkmale.“
„Drei Merkmale des roten Sandelholzes, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, finden sich im Nibbāna; welches sind diese drei?“
„Gleichwie, o König, das rote Sandelholz schwer zu erlangen ist, einen unvergleichlichen Duft besitzt und von den Edlen gepriesen wird, so auch ist es mit dem Nibbāna der Fall. Dies sind die drei Merkmale.“
„Drei Merkmale des Butterölschaumes, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, finden sich im Nibbāna; welches sind diese drei?“
„Gleichwie, o König, der Butterölschaum vollkommen in der Farbe ist, so auch ist das Nibbāna vollkommen in der Färbung seiner Tugenden. Dies ist das erste Merkmal. Wie fernerhin der Butterölschaum vollkommen ist in seinem Duft, so auch ist das Nibbāna vollkommen im Duft der Sittlichkeit. Dies ist das zweite Merkmal. Wie fernerhin der Butterölschaum vollkommen ist in seinem Geschmack, so auch ist das Nibbāna vollkommen in seinem inneren Gehalt. Dies ist das dritte Merkmal.“
„Fünf Merkmale eines Berggipfels, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, fänden sich im Nibbāna; welches sind diese fünf?“
„Gleichwie, o König, der Berggipfel in die Höhe ragt, so ist das Nibbāna hoch erhaben. Dies ist das erste Merkmal. Wie fernerhin der Berggipfel unerschütterlich ist, so auch ist das Nibbāna unerschütterlich. Dies ist das zweite Merkmal. Wie fernerhin der Berggipfel schwer zu erklimmen ist, so auch ist das Nibbāna allen Leidenschaften unzugänglich. Dies ist das dritte Merkmal. Wie fernerhin auf dem Berggipfel keine Keime mehr entstehen können, so auch läßt das Nibbāna keine Leidenschaften mehr emporkommen. Dies ist das vierte Merkmal. Wie fernerhin der Berggipfel sich weder hinneigt noch herneigt, so ist das Nibbāna frei von Zuneigung und Abneigung. Dies ist das fünfte Merkmal.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“