Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 8
6.3.11. Kann das Nibbāna erzeugt werden?
„Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß das Nibbāna weder der Vergangenheit noch der Gegenwart noch der Zukunft angehöre, daß es weder erzeugt noch unerzeugt noch erzeugbar sei. Wenn nun der im Wandel Vollkommene das Nibbāna verwirklicht, erreicht er es wohl dann als etwas bereits Erzeugtes, oder erzeugt er es zuvor?“
„Weder das eine noch das andere trifft zu, o König. Und doch besteht dieses Element des Nibbāna, das der im Wandel Vollkommene verwirklicht.“
„Verhülle, ehrwürdiger Nāgasena, dieses Problem nicht durch deine Erklärungen. Erkläre es offen und deutlich; und von Eifer und Streben erfüllt, lege dar, was du darüber erfahren hast! Die Menschen sind eben darüber im Unklaren und voller Zweifel und sind in Ungewißheit. Beseitige diesen Stachel der inneren Unruhe!“
„Es existiert, o König, dieses Element des Nibbāna, dieses so friedvolle, selige, erhabene. Und dieses Nibbāna ist es, das der im Wandel Vollkommene verwirklicht, indem er der Weisung des Siegers getreu die Gebilde voll Einsicht erfaßt, gerade wie der Schüler unter Anleitung durch seine Lehrer voll Einsicht die Wissenschaft sich zu eigen macht. Und in welchem Sinne ist das Nibbāna aufzufassen? Als frei von Qual, Mißgeschick und Schrecken, als Sicherheit, Friede, Glück, Seligkeit, Erhabenheit, Lauterkeit und Kühle.
Gleichwie, o König, einer, sobald er sich mitten in den Flammen eines durch einen großen Haufen Holz genährten brennenden, lodernden Feuers befindet, sich eifrig herausrettet und an einen vor dem Feuer geschützten Ort begibt und dort höchstes Wohl empfindet: ebenso auch, o König, verwirklicht der im Wandel Vollkommene durch weise Erwägung das von der dreifachen Feuersglut freie höchste Glück des Nibbāna. Als das Feuer nämlich hat man das dreifache Feuer (der Gier, des Hasses und der Verblendung) zu betrachten; als den ins Feuer geratenen Mann den im Wandel Vollkommenen, und als den vom Feuer geschützten Ort das Nibbāna.
Oder gleichwie ein Mann, der in eine mit Schlangen-, Hunde- oder Menschenleichen und körperlichen Unrat angefüllte Grube gefallen ist und sich in die Haare der Leichen verwickelt hat, mit aller Macht sich herausrettet und einen von Leichen freien Ort aufsucht und dort höchstes Wohl empfindet: ebenso auch verwirklicht der im Wandel Vollkommene durch weise Erwägung das von den Leichen der Leidenschaft freie, höchste Glück des Nibbāna. Als Leichen nun hat man die fünf Sinnendinge zu betrachten, als den unter die Leichen geratenen Mann den im Wandel Vollkommenen, und als die von Leichen freie Stätte das Nibbāna.
Oder gleichwie ein Mann, der voller Angst und Schrecken bebt und verwirrten, unruhigen Geistes ist; sobald er aber mit Mühe entkommen und an einen starken, befestigten, sicheren, ungefährdeten Ort gelangt ist, dort höchstes Glück empfindet: ebenso auch, o König, verwirklicht der im Wandel Vollkommene durch weise Erwägung das von Angst und Schrecken freie höchste Glück des Nibbāna. Als Schrecken nun hat man hier die durch Alter, Krankheit und Tod bedingten, immer wieder auftretenden Schrecken zu betrachten; als den von Furcht erfüllten Mann den im Wandel Vollkommenen, und als die gefahrlose Stätte das Nibbāna.
Oder gleichwie ein Mann, der an einer schmutzigen, kotigen, dreckigen, schlammigen Stelle hingefallen ist, voll Eifer den Dreck und Schlamm von sich entfernt, sich an einen reinen, sauberen Ort begibt und dort höchstes Glück empfindet ebenso auch, o König, verwirklicht der im Wandel Vollkommene durch weise Erwägung das vom Dreck und Schlamm der Leidenschaften freie, höchste Glück des Nibbāna. Als Dreck nun hat man hier Gewinn, Ehre und Ruhm zu betrachten; als den in den Dreck gefallenen Mann den im Wandel Vollkommenen, und als die reine, unbefleckte Stätte das Nibbāna.“
„Auf welche Weise aber, o Ehrwürdiger, verwirklicht der im Wandel Vollkommene das Nibbāna?“
„Gleichwie, o König, ein Mann an einer den ganzen Tag über erhitzten, glühendheißen, feurigen Eisenkugel weder unten, noch oben, noch in der Mitte irgend eine Stelle bemerkt, wo er sie anfassen könnte: ebenso auch, o König, erwägt der im Wandel Vollkommene der Gebilde Werdegang; und indem er der Gebilde Werdegang erwägt, gewahrt er dabei das Geborenwerden gewahrt er das Altern, gewahrt er die Krankheit, gewahrt er das Sterben, und nicht bemerkt er darin irgendwie Glück oder Labsal; und weder am Anfang, noch in der Mitte, noch am Ende bemerkt er irgend etwas, woran er sich hängen sollte. Dabei bemächtigt sich der Widerwille seines Herzens, und eine Glut befällt seinen Körper. Und weil er da keinen Schutz, keine Zuflucht, keine Sicherheit findet, wird er der Daseinsformen überdrüssig. Gleichwie ein Mann, der in ein großes, flammendes Feuermeer hineingeraten und dort ohne Zuflucht, Sicherheit und Schutz ist, Grauen vor dem Feuer empfindet: so auch bemächtigt sich, da er nirgends etwas findet, woran er sich hängen sollte, der Widerwille seines Herzens, und eine Glut befällt seinen Körper. Und weil er da keinen Schutz, keine Zuflucht, keine Sicherheit findet, wird er der Daseinsformen überdrüssig. Und während er in dem Werdeprozeß Schrecken wittert, erhebt sich in ihm der Gedanke: ‚Ein verzehrendes Feuer, wahrlich, ist dieser Werdeprozeß, lodernd, aufflammend, voll des Elends und der Verzweiflung. Daß doch einer das Entwerden erreichen könnte, dieses höchste, erhabenste Ziel, den Stillstand aller Bildungen, die Loslösung von allen Substraten, der Gier Vernichtung, die Abwendung, die Aufhebung des Nibbāna!‘ So drängt sein Herz nach dem Entwerden, erfreut sich daran, erheitert sich und fühlt sich zufrieden in dem Gedanken ‚Endlich, wahrlich, habe ich den Ausgang gefunden!‘ Gerade wie ein Mann, der sich verirrt hat und in eine fremde Gegend geraten ist, beim Auffinden des zu seinem Ziele führenden Weges froh, heiter und zufrieden wird, weil er endlich den Weg gefunden hat. Ebenso auch in ihm, der das Schreckliche im Werdeprozeß gesehen hat, drängt sein Herz nach dem Entwerden, erfreut sich daran, erheitert sich und fühlt sich zufrieden in dem Gedanken: ‚Endlich, wahrlich, habe ich den Ausgang gefunden!‘ Und um das Jenseits des Werdens zu erreichen, pflegt er den Pfad, forscht ihm nach, hegt ihn, wandelt ihn beharrlich. Und auf dieses Zeil heftet sich seine Achtsamkeit, auf dieses Ziel heftet sich sein Wille, auf dieses Ziel richtet sich seine Freude. Und dadurch, daß er immer wieder erwägt, überwindet sein Geist den Werdeprozeß und gelangt zu jenem Zustande, wo es kein Werden mehr gibt. Und hat er das Entwerden erreicht, so sagt man von ihm, daß er, der im Wandel Vollkommene, das Nibbāna verwirklicht hat.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“