Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 8
6.3.12. Gibt es einen Ort für das Nibbana?
„Gibt es wohl, ehrwürdiger Nāgasena, einen Ort im Osten, Westen, Norden oder Süden, oder in einer Zwischenrichtung, oder über oder unter uns, wo sich das Nibbāna befindet?“
„Nein, o König.“
„Wenn es aber, o Ehrwürdiger, keinen Ort gibt für das Nibbāna, so gibt es doch auch kein Nibbāna. Und alle, die dieses Nibbāna verwirklicht haben, deren Verwirklichung ist eben nichtig. Ich will dir den Grund hierfür erklären: Wie nämlich in aller Welt das Korn im Feld entsteht, der Duft in der Blüte, die Blume am Strauch, die Frucht am Baum, das Kleinod in einer Mine, und jeder, der eines dieser Dinge wünscht, es sich dort holen kann: so auch muß es, wenn es ein Nibbāna gibt, auch einen Entstehungsort jenes Nibbāna geben. Denn gibt es keinen Entstehungsort des Nibbāna, so sage ich, gibt es auch kein Nibbāna. Und alle, die dieses Nibbāna verwirklicht haben, deren Verwirklichung ist eben nichtig.“
„Nicht gibt es einen Ort, o König, wo sich das Nibbāna befindet. Und doch gibt es dieses Nibbāna. Denn der im Wandel Vollkommene verwirklicht es ja durch weise Erwägung. Gerade wie es Feuer gibt, aber keinen Aufspeicherungsort desselben, sondern man eben durch Zusammenreiben von zwei Hölzern das Feuer erlangt: so auch gibt es zwar das Nibbāna, aber keinen Ort, wo es aufgespeichert wäre. Sondern der im Wandel Vollkommene verwirklicht es durch weise Erwägung. Und gleichwie es zwar die sieben Kleinode (des Weltherrschers) gibt—das Kleinod des Rades, des Elefanten, des Rosses, des Edelsteins, des Weibes, des Hausvaters und des Ratgebers—aber sich dafür kein Aufspeicherungsort findet, sondern sich eben diese Dinge bei dem Adeligen von vollendetem Wandel kraft seines Wandels offenbaren: so auch gibt es zwar das Nibbāna, aber keinen Ort, wo es aufgespeichert wäre. Sondern der im Wandel Vollkommene verwirklicht es durch weise Erwägung.“
„Zugegeben, ehrwürdiger Nāgasena, daß es keinen Ort gibt, wo sich das Nibbāna befindet. Gibt es aber wohl eine Stätte, in der verweilend der im Wandel Vollkommene das Nibbāna verwirklicht?“
„Ja, o König, die gibt es.“
„Welches aber, o Ehrwürdiger, ist diese Stätte?“
„Die Sittlichkeit, o König, ist diese Stätte. Denn in der Sittlichkeit fest verharrend verwirklicht durch weises Erwägen der im Wandel Vollkommene das Nibbāna, ganz gleich wo er sich befindet, im Lande der Scythen oder der Griechen, in China oder der Tartarei, in Alexandrien (am Indus) oder Nikumba, in Benares oder Kosala, in Kashmir oder Gandhara, auf einem Berggipfel oder in der Brahmawelt. Wie nämlich ein Mann, der sehen kann, von jedem Orte aus, an dem er sich befindet, den Himmel erblickt, oder wie es überall für ihn einen Osten gibt: so auch mag der in Sittlichkeit Gefestigte und weise erwägend (yoniso manasikarontassa)als ein im Wandel Vollkommener das Nibbāna verwirklichen, ganz gleich wo er sich befindet.“
„Vortrefflich erklärt, ehrwürdiger Nāgasena, hast du das Nibbāna, gewiesen seine Verwirklichung, geschildert die Tugenden der Sittlichkeit, gezeigt den rechten Pfad, aufgerichtet die Flagge des Gesetzes, gefestigt das Auge des Gesetzes; und nicht umsonst ist die rechte Anstrengung der eifrig Strebenden. So ist es, o bester und edelster der Lehrer, und so nehme ich es an.“