Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 8

6.3.9. Gibt es im Nibbāna noch Leiden?

„Ist wohl, ehrwürdiger Nāgasena, das Nibbāna ein vollkommenes Glück, oder ist es noch mit Leid vermischt?“

„Ein vollkommenes Glück, o König, ist das Nibbāna, unvermischt mit Leid.“

„Das glaube ich nicht, ehrwürdiger Nāgasena. Nach meiner Überzeugung ist das Nibbāna mit Leid vermischt, denn ich habe meinen Grund dafür. Bei allen nach dem Nibbāna Strebenden nämlich findet man, daß sie sich körperlich und geistig quälen und abplagen, sich beim Stehen, Gehen, Sitzen, Liegen und Essen bezwingen, den Schlaf unterdrücken, die Sinne bändigen, Schätzen und Gütern entsagen und liebe Freunde und Vettern verlassen. Die aber in der Welt im Glück und Genuß leben, alle diese lassen die Sinne an den fünf Sinnendingen sich ergötzen und erfreuen: das Auge an den so mannigfaltigen, äußerst lieblichen Formen; das Ohr an den so mannigfaltigen, äußerst lieblichen, durch Gesang und Musik erzeugten, angenehm empfundenen Tönen; die Nase an den so mannigfaltigen, äußerst lieblichen, durch Blüten, Früchte, Blätter, Rinde, Wurzeln oder Kernholz erzeugten, angenehm empfundenen Düften; die Zunge an den so mannigfaltigen, äußerst lieblichen, beim Kauen, Essen, Lecken, Trinken und Schmecken erzeugten, angenehm empfundenen Geschmacksempfindungen; den Körper an den so mannigfaltigen, äußerst lieblichen, durch etwas ganz Zartes, ganz Weiches erzeugten, angenehm empfundenen Körperempfindungen; den Geist an den so mannigfaltigen, lieblichen und unlieblichen, guten und bösen, edlen und unedlen Gedanken und Erwägungen. Ihr dagegen unterdrückt, stört, hindert und hemmt den Genuß am Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, unterdrückt den körperlichen und geistigen Genuß. Bei gequältem Körper aber empfindet man körperliches Schmerzgefühl, und bei gequältem Geiste geistiges Schmerzgefühl. Hat denn nicht auch Māgandiya, der Pilger, vom Erhabenen tadelnd gesagt, daß er, der Asket Gotama, ein Lebensverneiner sei? Aus diesem Grunde eben behaupte ich, daß das Nibbāna mit Leid vermischt ist.“

„Nicht ist, o König, das Nibbāna mit Leid vermischt. Ein vollkommenes Glück ist das Nibbāna. Was du aber als das leidvolle Nibbāna bezeichnest, dies Leiden ist ja gar nicht das Nibbāna, sondern nur der der Verwirklichung des Nibbāna vorausgehende Zustand, das Suchen nach dem Nibbāna. Ein ganz und gar vollkommenes Glück aber ist das Nibbāna, unvermischt mit Leid. Darüber will ich dich aufklären. Kennen wohl, o König, die Fürsten so etwas wie Herrscherglück?“

„Gewiß, o Ehrwürdiger.“

„Ist wohl, o König, jenes Herrscherglück mit Leid vermischt?“

„Nein, o Ehrwürdiger.“

„Warum aber ziehen dann, o König, wenn ein Grenzgebiet in Aufruhr ist, zur Bezähmung der Grenzbewohner jene Fürsten, von Ministern, Räten, Soldaten und Wachen umgeben, hinaus und eilen auf ebenen und unebenen Wegen umher, belästigt von Fliegen und Stechmücken, von Wind und Sonnenglut, führen Krieg und begeben sich in Lebensgefahr?“

„Nicht das, ehrwürdiger Nāgasena, ist ja das Herrscherglück, sondern nur der dem Suchen nach dem Herrscherglück vorausgehende Zustand. Nachdem die Fürsten aber unter Leiden danach gerungen haben, genießen sie schließlich dieses Herrscherglück. Somit ist das Herrscherglück unvermischt mit Leid; und etwas anderes ist Herrscherglück, etwas anderes aber Leiden.“

„Ebenso auch, o König, ist das Nibbāna ein vollkommenes Glück, unvermischt mit Leid. Die aber noch nach dem Nibbāna ringen, quälen ihren Körper und Geist (Man hätte erwartet, daß Nāgasena es nicht übernimmt, sondern es zurückweist, wenn König Milinda sagt, daß die „nach dem Nibbāna Strebenden sich körperlich und geistig quälen“. Hatte doch der Buddha schon in seiner ersten Lehrpredigt Selbstqual und Schmerzensaskese verworfen), bezwingen sich im Stehen, Gehen, Sitzen, Liegen und Essen, unterdrücken den Schlaf, bändigen die Sinne, opfern Leib und Leben; und nachdem sie unter Leiden danach gerungen haben, genießen sie schließlich das vollkommene Glück des Nibbāna, gerade wie die Fürsten nach Niederwerfung ihrer Feinde das Herrscherglück genießen. Somit ist das Nibbāna ein vollkommenes Glück, unvermischt mit Leid. Nibbāna ist eines und etwas anderes ist das Leiden. Auch noch einen anderen Vergleich sollst du hören. Empfinden wohl, o König, die ausgelernten Künstler so etwas wie Freude an ihrer Kunst?“

„Gewiß, o Ehrwürdiger.“

„Wozu aber, o König, begrüßen sie dann ehrfurchtsvoll ihren Lehrer, erheben sich vor ihm, holen ihm Wasser, fegen sein Haus, warten ihm mit Zahnstäbchen und Mundwasser auf, begnügen sich mit Speiseresten, reiben ihn ein, baden ihn, waschen seine Füße und quälen so, indem sie ihren eigenen Willen unterdrücken und einem fremden Willen folgen, durch unbequeme Lagerstatt und grobe Nahrung ihren Körper?“

„Nicht das, ehrwürdiger Nāgasena, ist ja die Freude an der Kunst, sondern nur der ihrer Erlernung vorausgehende Zustand. Nachdem sich aber die Künstler unter Leiden um die Erlernung der Kunst bemüht haben, wird ihnen schließlich die Freude an der Kunst zuteil. Somit ist die Freude an der Kunst unvermischt mit Leid; und eines ist die Freude an der Kunst und ein anderes das Leiden.“

„Ebenso auch, o König, ist das Nibbāna ein vollkommenes Glück, unvermischt mit Leid. Die aber noch nach dem Nibbāna ringen, quälen ihren Körper und Geist, bezwingen sich im Stehen, Sitzen, Gehen, Liegen und Essen, unterdrücken den Schlaf, bändigen die Sinne, opfern Leib und Leben; und nachdem sie unter Leiden darnach gerungen haben, genießen sie schließlich das vollkommene Glück des Nibbāna, gerade wie dem ausgelernten Künstler die Freude an seiner Kunst. Somit ist das Nibbāna ein vollkommenes Glück, unvermischt mit Leid; und eines ist das Leiden, etwas anderes aber das Nibbāna.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“