Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 8
6.3.8. Können alle bei rechtem Wandel das Nibbāna erreichen?
„Erreichen wohl, ehrwürdiger Nāgasena, alle, die einen rechten Wandel führen, die Durchdringung der Lehre oder erreichen sie einige nicht?“
„Die einen, o König, erreichen die Durchdringung, die anderen nicht.“
„Wer aber erreicht sie, o Ehrwürdiger, und wer nicht?“
„Ein Tier, o König, selbst wenn es recht lebt, erreicht keine Durchdringung der Lehre, ebenso wenig der im Gespensterreiche Wiedererschienene, der von falscher Erkenntnis Erfüllte, der Betrüger, der Muttermörder, der Vatermörder, der Heiligenmörder, der Ordensspalter, wer (eines Buddha) Blut vergossen hat, wer sich in diebischer Weise (ohne Weihe) dem Orden anschließt, der zu den Andersgläubigen übergetretene, der Nonnenschänder, wer eines der dreizehn schweren (Sanghādisesa-)Vergehen (der Ordensdisziplin) begangen und sich nicht wieder frei davon gemacht hat (durch Bekenntnis, Buße usw.), der Entmannte, der Zwitter und ein Kind unter sieben Jahren. Diese sechzehn Wesen erreichen keine Durchdringung der Lehre, selbst wenn sie einen rechten Wandel führen.“
„Daß, o Ehrwürdiger, die (zuerst genannten) fünfzehn gehemmten Wesen keine Durchdringung der Lehre erreichen, das mag sein oder mag nicht sein. Doch aus welchem Grunde ein Kind unter sieben Jahren trotz seines rechten Wandels keine Durchdringung der Lehre erreichen soll, das ist wohl noch eine Frage. Ist denn wohl das Kind nicht frei von Gier, Haß und Verblendung, frei von Dünkel und falschen Ansichten, von Mißmut und sinnlichen Gedanken? Von den Leidenschaften unbefleckt, dürfte doch das Kind geeignet, fähig und imstande sein, gleich auf einmal die vier Wahrheiten zu durchdringen.“
„Das, o König, ist ja gerade der Grund für meine Behauptung, daß ein Kind unter sieben Jahren trotz seines rechten Wandels die Lehre nicht durchdringt. Könnte ihm nämlich bei giererregenden Dingen Gier kommen, bei haßerregenden Haß, bei betörenden Betörung, bei berauschenden Wahn, und könnte es Ansichten, sowie Lust und Unlust begreifen, Heilsames von Unheilsamem unterscheiden, dann könnte es wohl für das Kind eine Durchdringung der Lehre geben. Doch beim Kinde unter sieben Jahren ist der Geist unfähig und schwach, beschränkt, gering, klein, langsam und unklar; das unerschaffene Element des Nibbāna aber ist gewichtig, schwerwiegend, weit und mächtig. Und das Kind unter sieben Jahren mit seinem schwachen, beschränkten, langsamen und unklaren Geiste ist nicht imstande, das gewichtige, schwerwiegende, große und mächtige, gewaltige, unerschaffene Element des Nibbāna zu durchdringen. Könnte zum Beispiel ein Mann mit seiner natürlichen Kraft, Stärke und Anstrengung den Sineru, den König der Berge, ausreißen, diesen so schweren, lastenden, großen und mächtigen Berg?“
„Das wohl nicht, o Ehrwürdiger.“
„Und aus welchem Grunde nicht, o König?“
„Weil dazu, o Ehrwürdiger, der Mann zu schwach, der Sineru, der König der Berge, aber gar zu gewaltig ist.“
„Oder könnte man wohl, o König, diese so lange, breite, umfangreiche, weite, ausgebreitete, ausgedehnte, große und mächtige Erde dadurch, daß man sie mit einem winzigen Tropfen Wasser anfeuchtet, in Schlamm verwandeln?“
„Das wohl nicht, o Ehrwürdiger.“
„Und warum nicht, o König?“
„Weil der Wassertropfen, o Ehrwürdiger, gar winzig, die große Erde aber zu gewaltig ist.“
„Oder nimm an, o König, es brenne da ein schwaches, mattes, kleines, winziges, unbedeutendes Feuerchen. Könnte man wohl damit in der Welt mitsamt ihren Göttern die Finsternis vertreiben und Licht erzeugen?“
„Das wohl nicht, o Ehrwürdiger.“
„Und warum nicht, o König?“
„Weil, o Ehrwürdiger, das Feuer gar winzig, die Welt aber gar zu groß ist.“
„Ebenso auch, o König, ist beim Kinde unter sieben Jahren der Geist unfähig und schwach, beschränkt, gering, klein, langsam, unklar, durch das große Dunkel der Verblendung verhüllt. Darum kann man schwerlich in ihm das Licht der Erkenntnis erwecken. Das eben ist der Grund, daß das Kind unter sieben Jahren trotz seines rechten Wandels die Lehre nicht durchdringt. Nimm an, ein kranker, dürrer, winziger Schakal erblicke einen mächtigen Elefanten von neun Fuß Länge, drei Fuß Breite, zehn Fuß Umfang und acht Fuß Höhe. Und er wolle den Elefanten mit sich fortschleifen, um ihn aufzufressen. Brächte das wohl jener Schakal fertig?“
„Nein, o Ehrwürdiger.“
„Und warum nicht?“
„Weil der Schakal, o Ehrwürdiger, so winzig und der Elefant so gewaltig ist.“
„Ebenso auch, o König, ist beim Kinde unter sieben Jahren der Geist unfähig und schwach, beschränkt, gering, klein, langsam und unklar; gewaltig aber das unerschaffene Element des Nibbāna. Und mit seinem schwachen, beschränkten, langsamen und unklaren Geiste ist das Kind nicht imstande, das gewaltige, unerschaffene Element des Nibbāna zu durchdringen. Das eben ist der Grund, daß das Kind unter sieben Jahren trotz seines rechten Wandels die Lehre nicht durchdringt.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“