Die Fragen des Königs Milinda
Teil 7
Kapitel 1
7.2.6. Die Schildkröte
„Fünf Eigenschaften der Schildkröte, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, habe man anzunehmen: welches sind diese?“
„Gleichwie, o König, die Schildkröte sich im Wasser bewegt, sich im Wasser aufhält: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, in Wohlwollen und Mitleid mit allen lebenden Wesen und Geschöpfen verweilen, indem er die ganze Welt mit liebevoller Gesinnung durchstrahlt, mit weiter, großer, unermeßlicher, von Haß und Härte befreiter. Das, o König, ist die erste Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat.
Wenn da ferner, o König, die Schildkröte, während sie beim Schwimmen im Wasser ihren Kopf aufrichtet, irgend jemanden bemerkt, so taucht sie auf der Stelle wieder unter, taucht in die Tiefe, damit jener sie nicht mehr zu sehen bekommt. Ebenso auch, o König, soll der Yogi, der Yogabeflissene, sobald die Leidenschaften auf ihn eindringen, sich in das Meer der Vertiefung (Wörtlich: „in das Meer des (Meditations-)Objektes“) versenken, in die Tiefe tauchen, damit ihn die Leidenschaften nicht mehr zu sehen bekommen. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, die Schildkröte, wenn sie aus dem Wasser herausgekrochen ist, ihren Körper erwärmt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, ob beim Sitzen, Stehen, Liegen und Auf- und Abwandern seinen Geist (von weltlichen Gedanken) zurückziehen und ihn in rechtem Kampfe erwärmen. Das, o König, ist die dritte Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, die Schildkröte die Erde aufwühlt und dort abgeschieden ihre Behausung sucht: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, Gewinn, Ehre und Ruhm aufgeben und sich in einen einsamen, abgeschiedenen Wald begeben, eine waldige Anhöhe, auf einen Berg, in eine Grotte, eine Felsenhöhle, an einen lautlosen, stillen, abgeschiedenen Ort; und dort in der Abgeschiedenheit soll er seinen Aufenthalt nehmen. Das, o König, ist die vierte Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat. Auch der Ordensältere Upasena, der Sohn des Vanganto, hat gesagt:
Den einsamen, den stillen Ort,
Von wilden Tieren nur besucht,
Erwähle sich der Mönch zur Wohnung,
Der einsam sich vertiefen will.
Wenn da ferner, o König, die Schildkröte beim Hin- und Herkriechen jemanden bemerkt oder ein Geräusch vernimmt, so verbirgt sie ihre vier Füße und als fünftes den Kopf unter ihrer Schale und verharrt untätig und still, indem sie dabei über ihren Körper wacht. Ebenso auch, o König, soll der Yogi, der Yogabeflissene, wenn von allen Seiten Formen, Töne, Düfte, Säfte, Berührungen und Bilder auf ihn eindringen, die sechs Toreingänge (der Sinne) verschließen, den Geist sammeln und zügeln und achtsam und klarbewußt verweilen, indem er über sein Asketentum wacht. Das, o König, ist die fünfte Eigenschaft der Schildkröte, die er anzunehmen hat. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, sagt in der erhabenen ‚Gruppierten Sammlung‘ (Samyutta-Nikāya), in der Sutta vom Schildkrötengleichnis:
Gleichwie die Schildkröte die Glieder in der eignen Schale,
So ziehe fest zusammen die Gedanken der Asket.
Und unabhängig lebend, keinem Wesen wehe tuend,
Mög' niemanden mehr tadeln er, im Herzen ganz gestillt.“