Die Fragen des Königs Milinda

Teil 7

Kapitel 1

7.2.5. Der Leopard

„Zwei Eigenschaften des Leoparden, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, habe man anzunehmen: welche sind diese?“

„Gleichwie, o König, der Leopard, im dichten Grase oder Waldesdickicht oder Bergverstecke lauernd, das Wild ergreift, so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, die Einsamkeit aufsuchen, den Wald, den Fuß eines Baumes, das Gebirge, eine Kluft, eine Berghöhle, ein Leichenfeld, eine bewaldete Anhöhe, eine Lichtung, einen Strohhaufen, einen Ort frei von Lärm und Geräusch, von Winden umweht, den Menschen versteckt, zur Abgeschiedenheit geeignet. Denn in der Einsamkeit weilend, o König, erlangt der Yogi, der Yogabeflissene, nach gar nicht langer Zeit die Meisterschaft in den sechs Höheren Geisteskräften (abhiññā). Das, o König, ist die erste Eigenschaft des Leoparden, die er anzunehmen hat. Auch die Ordensälteren, o König, von denen die Lehren gesammelt wurden, haben gesagt:

Gleichwie die wilde Pantherkatze
Vom Dickicht aus das Wild ergreift,
Genau so hält des Buddha Jünger,
Der eifrig strebend Einsicht übt,
Sich in dem Waldesdickicht auf,
Und dort erringt er höchstes Heil.

Stürzt da fernerhin, o König, irgend ein Tier, das der Leopard getötet hat, auf die linke Seite, so frißt dieses der Leopard nicht. Ebenso auch, o König, darf der Yogi, der Yogabeflissene,—gerade wie der Leopard das auf die linke Seite niedergestürzte Tier nicht frißt—keinerlei Speisen genießen, die er sich durch eine vom Erhabenen verworfene, verkehrte Lebensweise verschafft hat, etwa durch Abgabe von Bambusrohren, Blättern, Blumen oder Früchten, von Bädern, wohlriechenden Erden und Pulvern, von Zahnstäbchen und Mundwasser, oder dadurch, daß er anderen Schmeicheleien sagt und ihnen Schönes vorspiegelt, Kinder hütet oder Gänge besorgt, oder durch ärztliche Betätigung, durch Botenoder Überbringerdienste, durch Speisenaustausch oder Gegengeschenke oder durch Wahrsagungen über die Beschaffenheit des Bodens oder bestimmter Tage oder körperlicher Merkmale, oder durch irgend eine andere vom Erleuchteten verworfene, verkehrte Lebensweise. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft des Leoparden, die er anzunehmen hat. Auch der Ordensältere Sāriputta, o König, der Feldherr des Gesetzes, hat gesagt:

Sollt' ich durch Anspielung in Worten
Verschaffen süßen Milchbrei mir,
Und sollte diesen dann genießen,
So wär mein Leben tadelhaft.
Ja, wenn die Därme mir im Leibe
Hervorquöllen, nach außen träten,
Nicht ändert' ich die Lebensweise,
Selbst wenn ich's Leben lassen müßt‘.“