Die Fragen des Königs Milinda

Teil 7

Kapitel 7

7.8.7. Der Bogenschütze

„Vier Eigenschaften des Bogenschützen, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, habe man anzunehmen: welches sind diese?“

„Gleichwie, o König, der Bogenschütze, beim Abschießen eines Pfeils seine beiden Füße fest auf den Boden setzt, seine Knie unbeweglich hält, den Köcher in die Höhlung der Hüfte preßt, den Körper steif hält, die beiden Hände auf die Berührungsstellen (des Pfeils mit dem Bogen) legt, die Faust schließt, die Finger zusammenpreßt, den Hals vorstreckt, den Mund und das eine Auge schließt (der Originaltext hat hier „die Augen“, doch sicherlich hält der Schütze ein Auge geöffnet)und auf die Scheibe zielt und Freude empfindet in dem Gedanken, daß er treffen wird: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, die Füße seines Strebens auf den Boden der Sittlichkeit setzen. Nachsicht und Milde unerschütterlich machen, seinen Geist in Selbstbeherrschung festigen, ihn der Zügelung und Zähmung anvertrauen, Begehren und Wahn niederdrücken, in weiser Erwägung seinen Geist beständig machen, seine Willenskraft anspannen, die sechs Tore (der Sinne) abschließen, die Achtsamkeit gegenwärtig halten und Freude empfinden in dem Gedanken, daß er alle Leidenschaften mit seinem Erkenntnispfeile durchbohren werde. Das, o König, ist die erste Eigenschaft des Bogenschützen, die er anzunehmen hat.

Wie ferner, o König, der Bogenschütze einen Schraubstock verwendet, um die gebogenen, krummen, schiefen Pfeile gerade zu biegen: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, an diesem Körper die ‚Grundlagen der Achtsamkeit‘ (satipatthānā) als Schraubstock verwenden, um den gebogenen, krummen, schiefen Geist gerade zu biegen. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft des Bogenschützen, die er anzunehmen hat.

Wie ferner, o König, der Bogenschütze sich an der Scheibe im Treffen übt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, sich an diesem Körper üben. Und auf welche Weise? Er soll ihn als vergänglich betrachten, als leidvoll, wesenlos, als Seuche, Schwären, Stachel, Übel, Krankheit und Feind, als hinfällig, als Leiden, Schrecken, Unglück, als ruhelos, gebrechlich, unbeständig, unsicher, ohne Rettung und Zuflucht, als hohl, nichtig, leer, als einen Unsegen, als gehaltlos, als eine Wurzel des Übels, als Mörder, als triebbehaftet zusammengesetzt, als Māras Futter, als der Geburt, dem Alter, der Krankheit und dem Tode unterworfen, der Sorge, Klage und Verzweiflung und der Befleckung. Auf diese Weise soll der Yogi sich an diesem Körper üben. Das, o König, ist die dritte Eigenschaft des Bogenschützen, die er anzunehmen hat.

Wie ferner, o König, der Bogenschütze sich des Morgens und Abends im Bogenschießen übt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, sich des Morgens und Abends in der Betrachtung üben. Das, o König, ist die vierte Eigenschaft des Bogenschützen, die er anzunehmen hat. Auch der Ordensältere Sāriputta, o König, der Feldherr des Gesetzes, hat gesagt:

Gleichwie der Bogenschütze sich
Des Morgens übt, des Abends übt
Und, seine Übung nicht versäumend,
Beköstigung und Lohn erhält:

Genau so führt des Buddha Jünger
Am Körper seine Übung aus,
Und seine Übung nicht versäumend
Erringt er höchste Heiligkeit.“