Aṅguttara Nikāya

Das Zehner-Buch

86. Höchstes Wissen vorgeben

Im Bambushain bei Rājagaha, an der Fütterungsstelle der Eichhörnchen. Der ehrwürdige Mahā-Kassapa sprach also:

„Da, ihr Brüder, gibt ein Mönch Höchstes Wissen vor, indem er spricht: ‚Aufgehoben ist die Wiedergeburt, erfüllt der Heilige Wandel, getan ist was zu tun war, nichts weiteres gibt es mehr nach diesem hier; so weiß ich.‘ Der Vollendete aber oder ein sich vertiefender Jünger des Vollendeten, der vertraut ist mit den geistigen Errungenschaften, vertraut mit dem Geiste der anderen, vertraut mit den Geistesvorgängen der anderen, nimmt sich ihn vor, befragt ihn, forscht ihn aus. Von ihm aber vorgenommen, befragt und ausgeforscht, wird er verlegen und befangen, bedrückt und niedergeschlagen. Das Herz jenes Mönches geistig durchschauend, denkt nun der Vollendete oder ein Jünger des Vollendeten darüber nach, warum wohl dieser Verehrte Höchstes Wissen vorgibt. Und dessen Herz geistig durchschauend, erkennt er:

‚Dieser Verehrte überschätzt sich selbst (adhimāniko); er ist einer, der seine Selbstüberschätzung für Wahrheit ausgibt. Wo er nichts erreicht hat, glaubt er, etwas erreicht zu haben; wo er nichts erwirkt hat, glaubt er, etwas erwirkt zu haben; wo er nichts errungen hat, glaubt er, etwas errungen zu haben; und in seiner Selbstüberschätzung gibt er Höchstes Wissen vor.‘ Das Herz jenes Mönches geistig durchschauend, denkt nun der Vollendete oder ein Jünger des Vollendeten darüber nach, warum wohl dieser Verehrte sich selber überschätzt und seine Selbstüberschätzung für Wahrheit ausgibt... Und dessen Herz geistig durchschauend, erkennt er:

‚Dieser Verehrte besitzt freilich großes Wissen, ist ein Bewahrer des Wissens, hat sich große Kenntnisse angesammelt. Jene Lehren, die am Anfang vorzüglich, in der Mitte vorzüglich und am Ende vorzüglich sind, die in vollendetem Sinne und Ausdruck ein ganz vollkommenes, geläutertes Reinheitsleben verkünden, diese Lehren hat er sich häufig angehört, sich eingeprägt, im Wortlaut gelernt, im Geiste erwogen und sie weise verstanden. Darum überschätzt sich dieser Verehrte und gibt seine Selbstüberschätzung für Wahrheit aus.‘

Und dessen Herz geistig durchschauend, erkennt der Vollendete oder ein Jünger des Vollendeten ‚Voll Habgier, wahrlich, ist dieser Verehrte; gierbesessenen Herzens weilt er häufig, von der Begierde aber besessen sein gilt in der vom Vollendeten verkündeten Lehre und Zucht als ein Rückschritt. Voll Haß ist dieser Verehrte—voll Starrheit und Mattigkeit—voll Aufgeregtheit—voll Zweifelsucht; zweifelbefangenen Herzens weilt er häufig; in Zweifelsucht aber befangen sein gilt in der vom Vollendeten verkündeten Lehre und Zucht als ein Rückschritt. Er hat ferner Freude und Gefallen an körperlicher Beschäftigung, am Plaudern, am Schlafen, an Geselligkeit, ist der Freude an Geselligkeit hingegeben. Das aber gilt in der vom Vollendeten verkündeten Lehre als ein Rückschritt. Ohne Achtsamkeit ist dieser Verehrte: Wo es noch Höheres zu tun gab, hat er, um einen ganz gemeinen Vorteil zu erlangen, auf halbem Wege Halt gemacht. Auf halbem Wege aber Halt machen, gilt in der vom Vollendeten verkündeten Lehre und Zucht als ein Rückschritt.

Daß da, ihr Brüder, ein Mönch, ohne diese zehn Dinge überwunden zu haben, in dieser Lehre und Zucht Fortschritt, Entfaltung und Größe erzielen kann, das ist nicht möglich. Wohl aber ist es möglich, daß ein Mönch, der diese zehn Dinge überwunden hat, in dieser Lehre und Zucht Fortschritt, Entfaltung und Größe erzielt.“