Die Fragen des Königs Milinda
Teil 7
Kapitel 3
7.4.8. Die Sonne
„Sieben Eigenschaften der Sonne, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, habe man anzunehmen: welches sind diese?“
„Gleichwie, o König, die Sonne das ganze Wasser auftrocknet: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, alle Leidenschaften restlos auftrocknen. Das, o König, ist die erste Eigenschaft der Sonne, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, die Sonne die Finsternis und das Dunkel vertreibt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, die Finsternis der Gier, des Hasses und der Verblendung vertreiben, die Finsternis des Dünkels, der Neigungen und der Leidenschaften, die ganze Finsternis des schlechten Wandels. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft der Sonne, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, die Sonne stets in Bewegung ist: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, stets weise Erwägung üben. Das, o König, ist die dritte Eigenschaft der Sonne, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, die Sonne von einem Strahlenkranz umgeben ist: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, umkränzt sein mit dem Gegenstand der Vertiefung. Das, o König, ist die vierte Eigenschaft der Sonne, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, die Sonne eine große Menschenmenge erwärmt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, die Welt mitsamt ihren Göttern durch seinen Wandel erwärmen, sowie durch seine Sittlichkeit, Tugend und Erfüllung der Pflichten, durch die Vertiefungen, die Freiungen, die Sammlung, die Erreichungszustände, die Fähigkeiten, die Kräfte, die Glieder der Erleuchtung, die Grundlagen der Achtsamkeit, die rechten Anstrengungen und die Machtfährten. Das, o König, ist die fünfte Eigenschaft der Sonne, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, die Sonne auf ihrer Wanderung Schrecken empfindet vor Rāhu (Rāhu ist, nach indischer Legende, ein Titan (asura), der zeitweilig die Sonne oder den Mond verschlingt und dadurch deren Verfinsterung verursacht): so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, sein Herz in großer Erschütterung und Besorgnis erbeben lassen, wenn er Menschen bemerkt, die sich verstrickt haben im Netz der Leidenschaften, schlechtem Wandel, übler Daseinsfährte, sich verirrt haben in wegloser Wüste, verfallen sind dem Ergebnisse ihres Wirkens und dem Absturz in niedere Welten, die gefesselt sind durch eine Fülle von falschen Meinungen, die auf falsche Fährte geraten sind, auf schlechtem Pfade wandeln. Das, o König, ist die sechste Eigenschaft der Sonne, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, die Sonne die guten wie die üblen Dinge erkennen läßt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, die weltlichen wie die überweltlichen Dinge sich offenbar machen, die fünf Fähigkeiten, die fünf Kräfte, die sieben Glieder der Erleuchtung, die vier Grundlagen der Achtsamkeit, die vier großen Anstrengungen, und die vier Machtfährten. Auch der Ordensältere Vangisa, o König, hat gesagt:
Gleichwie die aufgehende Sonne
Die Wesen läßt die Dinge seh'n,
Was rein ist und was unrein ist,
Was edel ist und was gemein:So zeigt der Kenner des Gesetzes,
Der Mönch, der wahnumhüllten Welt
Den mannigfachen heil'gen Pfad,
Der aufgehenden Sonne gleich.“