Petavatthu
Buch 2
12. Der ohrenlose Höllenhund
König:
Die Treppenfluchten sind aus Gold,
erheben sich vom Goldsand aus,
darin blüh’n herrlich Lilien auf,
schön duftend, die den Geist erfreu’n.Viel Bäume überschatten sie,
die Teiche, die von Wohlgeruch
umweht sind und von Lotus voll,
von rotem, weißem übersät.Gar lieblich strömen Duft sie aus,
sind herrlich, sanft vom Wind bewegt,
die Schwäne, Reiher hört man da,
und Enten wimmeln überall.Von Scharen vieler Vögel voll,
die singen mancherlei Gesang,
die Bäume geben Früchte reich,
viel Blumen in den Wäldern blüh’n.Nicht gibt es unter Menschenvolk
so reiche Stadt wie diese hier,
darin sehr zahlreich Schlösser sind,
aus Silber und aus Gold gebaut.
Es strahlen glänzend rings umher
die Himmelsgegenden, die vier.Hast Dienerinnen hundertfach,
die alle Wünsche dir erfüll’n,
Armreifen, Muscheln tragen sie
und golddurchwirkte Kleiderpracht.Auch Lagerstätten hast du viel,
die alle rein aus Gold besteh’n,
mit schönem Ziegenfell belegt,
mit woll’nen Decken ausstaffiert.Dort kannst du niederlassen dich,
und all dein Wünschen ist erfüllt,
doch wenn die Mitternacht sich naht,
dann stehst du auf und gehest fort.Im Park zur Lichtung schreitest du,
nah an den Lotusteich heran,
und stehst an seinem Ufer dann,
du Schöne, in dem grünen Gras.Ein Hund mit abgeschnitt’nen Ohr’n,
der frisst dich auf dann Glied für Glied,
und wenn du aufgefressen bist,
so dass nur dein Gerippe bleibt,
dann tauchst du unter in dem Teich,
und flugs dein Körper ist wie einst.Mit allen Gliedern voll begabt,
gar schön und lieblich anzuseh’n,
in feine Kleider eingehüllt
kommst wieder du zu mir sodann.Was hast du Böses denn getan
in Werken, Worten und im Geist,
dass als Ernte für dies Werk
der ohrenlose Hund dir frisst
die Glieder eins um’s and’re ab?Petī:
Zu Kimbilā als Hausner lebt’
ein gläub’ger Buddhajünger einst,
und dessen Gattin war ich da,
ohn’ Tugend, Ehebrecherin.Weil ich ausschweifend hab’ gelebt,
sprach einstmals mein Gemahl zu mir:
„Es passt nicht, und es ziemt sich nicht,
dass du mich weiter hintergehst.“Da tat ich schrecklich einen Schwur
und sprach die freche Lüge aus:
„Nicht hab’ ich hintergangen dich,
in Werken nicht, nicht im Gemüt.Wenn ich dich hintergangen hätt’,
in Werken oder im Gemüt,
dann soll ein ohrenloser Hund
mir Glied um Glied wohl fressen ab.“Als Ernte dieses Wirkens und
für’s Lügen, für dies beides sind
nun siebenhundert Jahre um,
die mir der ohrenlose Hund
die Glieder eins um’s and’re frisst.Du Majestät, die viel vermag,
um meinetwillen kamst du her.
Vom Ohrenlosen bin ich frei,
ohn’ Kummer bin ich, ohne Furcht.Ich bitte, Majestät, dich nun,
ich fleh dich an, die Hand zum Gruß:
Genieße übermenschlich’ Lust,
ergötze, König, dich mit mir.König:
Genossen hab ich volle Lust,
ergötzt hab ich genug mich hier.
Ich bitt’ dich einzig, Glückliche,
bring schnell mich nach Benares heim.