Therīgāthā

Die Lieder der Nonnen

Vierziger-Bruchstück

15.1. ISIDĀSĪ (die weise Sklavin)

Dort in der Stadt, die nach der Blume heißt,
Pātaliputta auf der Erde,
gab es den feinsten Teil vom Sakyerstamme,
zwei Bhikkhunīs, ganz tugendhaft.

Isidāsī war dort die eine,
die zweite Bodhi, sīlareich,-
sie freuten sich an der Vertiefung,
die viel gehört, die Flecken tilgten.

Sie gingen beide um Almosen,
und nach dem Mahl sie reinigten die Schalen,—
im Glück der Einsamkeit sie saßen dann
und sprachen miteinander diese Worte:

Bistliebenswert, o Schwester Isidāsī,
die Jugend schwand noch nicht dir hin,—
welch eine Falte sahst du, die dich störte,
daß du an Weltentsagung bandest dich?

Und sie, an Einsamkeit gebunden,
geschickt, die Lehre aufzuweisen,
Isidāsī sprach dieses Wort:
So höre, Bodhi, wie ich zog hinaus!

Dort in Ujjenī, in der besten Stadt,
mein Vater, tugendstreng, war Schatzmeister.
Ich bin nun seine einz’ge Tochter,
lieb, angenehm und wertgehalten.

Da wünschte einer aus Saketam mich,
kam an, er war aus höchstem Stamm,
ein Schatzmeister, unendlich reicher noch,
dem gab mich Väterchen leicht hin.

Vor seiner Schwiegermutter, seinem Schwiegervater
am frühen Morgenschon verbeugt’ ich mich,
den Kopfgruß gab ich, warf zu Füßen mich,
so wie ich immer unterwiesen war.

Und die da waren meines Mannes
Schwestern, Brüder, Dienerschaft,
wenn ich nur sah Gelegenheit,
gab scheu ich ihnen einen Sitz.

An Speise und Getränk und Knabberzeug,
was dort gespeichert alles war,
ich hielt es wert und trug es auf,
gab jedem, was mir passend schien.

Früh morgens schon erhob ich mich
und ging hinüber in das Haus,
wusch vor der Schwelle Hände, Füße,
ging dann mit Handgruß zu dem Ehemann.

Den Kamm, die Spange und die Augenschminke,
den Spiegel auch holt’ ich hervor,
und machte sorgsam mich zurecht,
um schön für meinen Herrn zu sein.

Den Reis bereitete ich selber zu,
die Schüssel wusch ich selbst ihm aus,
wie eine Mutter ist zu ihrem einz’gen Kind,
so den Ernährer mein umhegte ich.

Doch dann zu mir, die allerhöchsten Dienst getan,
zur Dienerin, die ihren Stolz zerschlug
und nie genug vollbringen konnte,
zur Tugenhaften, der Ernährer war nur schlecht.

Er sprach zu seiner Mutter und zum Vater:
„Ich bitte um Erlaubnis, werde gehn,—
mit Isidāsī, diesem jungen Kalb,
kann ich nicht unter einem Dach mehr wohnen!“

„Nicht so, du Sohn, sprich’ dich doch aus!
Isidāsī ist weise, sie kann unterscheiden,
niemals genug kann sie vollbringen,—
was nur gefällt dir nicht an ihr, du Sohn?“

„Nicht sie mit irgendetwas mich verletzt,
doch kann ich nicht mit Isidāsī, diesem Kalb,
sie stößt mich ab, ich hab genug von ihr:
ich bitte um Erlaubnis, werde gehn!“

Als diese Rede sie gehört,
die Schwiegermutter und der Schwiegervater fragten mich:
„Was wurde wohl von dir versäumt?
Sprich nur vertrauensvoll die Wahrheit!“

„Nicht habe irgend etwas ich versäumt,
und auch Verletzung rechn’ ich mir nicht an,—
kein übles Wort war möglich mir zu sagen,
für das mich hassen könnte der Ernährer.“

Sie brachten mich zurück zum Haus des Vaters,
ich war verwirrt vor lauter Schmerz,—
doch gab nicht auf, das Kind ich wollte schützen:
„Siegreich und schön sind wir wie Lacchi!“

Dann gab mich Papa einem Reichen
ins Haus, von einem zweiten Stamm,
für einen halben Kaufpreis nur,
für den der Schatzmeister bekommen mich.

In dessen Hause wohnt’ ich einen Monat,
er nahm mich gerne zu sich auf,
gleich einer Sklavin, die den Dienst versah,
nichts Schlechtes tat, vollkommen in der Tugend.

Um Brocken bettelnd zog er fort,—
zu dem Gebändigten, Gezähmten sprach mein Vater:
„Da du doch bist mein Schwiegersohn,
leg ab den Fetzen und die kleine Schale!“

Da blieb er wohnen einen halben Monat,
dann sprach zum Väterchen er: „Ach, nun gib mir
den Fetzen, Schale und den Becher!
Um Brocken bettelnd werd’ ich wieder ziehen fort.“

Da sprach zu ihm der Papa und die Mama
und die Verwandtenschar, versammelt alle:
„Was macht sie dir denn hier nicht recht?
Sprich schnell, sie wird es recht dir machen!“

So angesprochen, sagte er:
„Kann ich das Selbst mir sein, ist’s mir genug,—
mit Isidāsī, diesem jungen Kalb,
kann ich nicht unter einem Dach mehr wohnen!“

Als er entlassen und gegangen war,
dacht’ ich alleine für mich nach,
ging auch, Erlaubnis zu erbitten,
zu sterben oder fortzuzieh’n.

Da kam gegangen Schwester Jinadattā,
zu einem Weidegrunde wandernd,
zum Vaterhaus, die Regeln gut behaltend,
die viel gehört, vollendet in der Tugend.

Und als sie uns gesehen hatte,
stand ich vom Sitze auf, erklärt’ mich ihr,—
sie setzte sich, ich fiel zu Füßen ihr
und reichte ihr zu essen hin:

gab Speise und Getränk und Knabberzeug,
was da gespeichert alles war,—
als sie gesättigt war, da sagte ich:
„Ach, Schwester, du, ich wünsch hinaus zuziehn.“

Da sprach das Väterchen zu mir:
„Hier eben, Töchterchen, leb’ du die Lehre!
Mit Speise und Getränk befriedigend
Asketen und die Zwiegebor’nen.“

Da sprach ich dann zum Väterchen
und weinte, beugte mit dem Handgruß mich:
„Ich hab wohl Schlechtes nur vollbracht,
dies Kamma werd’ zunichte machen!“

Da sprach zu mir das Väterchen:
„Erreiche das Erwachen und die Spitzenlehre!
Nibbāna mögest du erlangen,
das da verwirklichte Zweifüßer Bester!“

Von Mutter und von Vater nahm ich Abschied
und von versammelter Verwandtenschar.—
War sieben Tage da hinausgezogen:
drei Wissen ich berührte schon.

In meinem Selbst erkannt ich sieben der Geburten,
bei welcher was für Frucht, Ergebnis kam.—
Das werd ich dir soweit erklären.
So höre zu geeinten Geistes!

Da in der Stadt Erakakaccho
ein Goldschmied war ich, äußerst reich,
vom Jugendrausch war ich berauscht,
besuchte eines Andern Frau.

Als ich dann abgeschieden war,
da schmort’ ich lange in der Hölle,—
und als ich reif mich dort erhob,
trat ich in eines Affen Schoß.

Und sieben Tage nachdem Kamma der Geburt
ein großer Affe, Herdenführer, mich kastrierte:
dies eben war die Kammafrucht,
weil ich zu eines Andern Frau gegangen.

Als ich von dort verschwunden war,
gestorben war im Sindhuwald,
mit einem Auge nur und lahm
trat ich in einer wilden Ziege Schoß.

Zwölf Jahre hab ich da gelebt,
kastriert, trug Knaben nur herum,—
durch Würmer rollt’ ich weiter, taugte nicht:
weil ich zu eines Andern Frau gegangen.

Als ich von dort verschwunden war,
wurd’ ich von eines Händlers Kuh geboren,
ein Kalb, gefärbt wie Kupfer da mit Lack,
und auch kastriert im zwölften Monat dann.

Vor einen Pflug wurd ich gespannt,
und einen Wagen mußt ich ziehn,
und blind ich rollte weiter, taugte nicht:
weil ich zu eines Andern Frau gegangen.

Als ich von dort verschwunden war,
gebar mich auf der Straße eine Haussklavin,—
nicht Frau war ich und auch nicht Mann:
weil ich zu eines Andern Frau gegangen.

Nach dreißig Jahren war ich tot,
als eines Fuhrmanns Tochter wurd’ geboren,—
in Elend lebt’ ich, großer Armut,
vom Würfelglückswurf nur der Gläubiger.

Dann mich von dort ein Handelsmann
mit überfließend reichem Wohlstand,
die Klagende, er schleppte fort
und raubte sie dem Vaterhaus.

Als ich dann sechzehn Jahre zählte,
im Jugendglanz zusehen war,
mich junges Mädchen nahm sein Sohn zur Frau,
Giridāso, so war sein Name.

Er nahm noch eine andre Frau,
die tugendhaft und gut geartet, hochgerühmt,
die dem Ernährer tief ergeben war,—
doch ich begegnete mit Feindschaft ihr.

Dies alles ist die Kammafrucht,
die kam, um mich nur ständig zu verletzen,
die ich als Sklavin willig diente doch,—
dem ist ein Ende nun von mir gemacht.