Therīgāthā

Die Lieder der Nonnen

Dreissiger-Bruchstück

14.1. SUBHĀ (die Schöne, „Augenausreißerin“)

Im schönen Mangohain von Jivako
Subhā, die Bhikkhunī, dort ging,—
da hielt ein Weiberheld sie auf.
Denselben sprach nun Subhā an:

Warum verfehlst du dich an mir,
daß du, mich hindernd, vor mir stehst?
Für eine, die hinauszog, Freund,
Kontakt zu einem Manne schickt sich nicht.

In ernster Weisung meines Lehrers
hab ich geübt, was aufgezeigt vom Sugato:
den Reinheitsweg so frei von allen Flecken,—
was stehst du, mich nur hindernd, da vor mir?

Der tief Verstörte vor der Unverstörten,
der ganz Befleckte vor der Flecken-Makellosen,
die überall im Geist frei:
was stehst du, mich nur hindernd, da vor mir?

Weiberheld:
Wie jung bist du und voller Unschuld,
was wird dir das Hinausziehn tun?
Leg ab die gelbe Robe doch!
Komm, laß uns aneinander freun im Blütenwald!

Süß wehen Düfte überall,
mit Blütenstaub die Bäume sind bedeckt:
der erste Frühling, angenehme Zeit!
Komm, laß uns aneinander freun im Blütewald!

Die Knospen brechen auf an allen Bäumen,
sie rauschen kräftig, von dem Wind bewegt:
ach, welche Freude wirst du da erfahren,
wenn du allein wirst in den Wald eintauchen?

Raubtiere werden folgen dir
und der „Trompeter“, der im Schlamm sich wälzt,—
ganz ohne Freund zugehen wünschst du
in den verlassenen, so schrecklich großen Wald?

Wie eine Puppe, die aus Gold gemacht,
wie Himmelsnymphe gehst im Götterpark,—
in feiner Seide aus Benares, schön,
strahlst du in Kleidern, Unvergleichliche!

Ich möchte ganz in deiner Macht nur sein,
wenn wir im lichten Walde beide weilen!
Nicht ist mir lieber noch als du
ein Wesen, du Vögelchen mit sanften Augen!

Wenn du mein Wort erfüllen wirst,
so gehe glücklich, lebe du im Haus!
Von dem Palastbeschirmt, bekleidet,
zu Diensten sollen dir die Frauen sein!

Und feine Seide aus Benares trägst du,
sieh die Girlande an, so rot gefärbt!
Mit reichlich Gold und Edelsteinen, Perlen,
werd’ ich auf alle Arten schmücken dich!

Das weiße Laken raschelt, es ist rein,
die woll’ ne Decke und Matratze sind stets neu:
besteige nun dies kostbar schöne Bett,
mit Sandel reich verziert und dem Geruch von Kernholz!

Den Lotus aus dem Wasser losgerissen,
wie es ein Unmensch nur zustande bringt:
so wirst du auch in deinem Brahmaleben
mit eignen Gliedern in das Alter gehn!

Subhā:
Was siehst du hier als Kernholz an?
Voll Leichen ist das, Leichenplatzvermehrung!
Zerbrechen muß doch dieser Körper,
den du erblickt und nun verblendet siehst!

Weiberheld:
Die Augen sie sind ähnlich einem Reh,
dem kleinen Vogel ähnlich im Gebirge:
seit ich in deine schönen Augen sah,
wächst mehr und mehr die Sinnenfreude.

Dem Lotus gleich, der in die Höhe kam,
so fleckenlos, goldgleich ist dein Gesicht:
seit ich in deine schönen Augen sah,
wächst mehr und mehr der Sinnentrieb.

Noch in der Ferne will ich mich erinnern
an deine langen Wimpern, an den reinen Blick:
nicht ist mir lieber noch als deins
ein Auge, du Vögelchen mit sanften Augen!

Subhā:
Auf falschem Weg wünschst du zu gehn,
den Mond suchst du als Spielzeug dir,
über den Meru wünschst zu springen,
der du der Buddhatochter folgst.

Nicht gibt es in der Welt mit ihren Göttern Reiz,
der jetzt mich noch vermag zu treffen,—
ich kenne keinen solchen mehr,
auf meinem Weg ist er zerstört mit seinen Wurzeln.

In heiße Kohlengrub ist er geworfen,
als Schale voller Gift geschätzt,—
ich kenne keinen solchen mehr,
auf meinem Weg ist er zerstört mit seinen Wurzeln.

Bei einer, die noch nicht betrachtet hat,
mag auch der Lehrer unterwiesen haben,
wenn du nach solcher ein Verlangen hast:
die etwas schon versteht, betrübst du nur.

Bei mir jedoch, die ungeschmäht, verehrt,
bei Wohl und Weh die Sati aufgestellt,
die weiß: „Unrein ist das Geschaffene!“—
allüberall der Geist nichts mehr beschmiert.

Ich bin die Schülerin des Sugato
und fahr den Wagen den Achtgliederweg,—
den Pfeil zog ich heraus, von Einfluß frei,
ging in die Häuserleere ein, erfreue mich.

Erkannt hab ich die schön bemalte Puppe,
aus frischem Holze neu geschnitzt,
mit vielen Schnüren, vielen Stöcken
zusammen festgebunden, um zu tanzen.

Wenn Schnüre, Stöcke sind entfernt,
und ohne Halt gelassen, sind verstreut:
nicht läßt sich finden, was in Stücke brach,
worauf der Geist sich dort noch stützen könnte.

In diesem Gleichnis seh ich meine Glieder,
getrennt von Dhammas rollen sie nicht weiter,—
getrennt von Dhammas rollt nicht weiter,
worauf der Geist sich dort noch stützen könnte.

Wie da auf Rauschgelb herrlich hingeschmiert,
sahst eine Wand bemalt du voller Farben,—
bekamst dabei, was ausgetauscht, zu sehn:
die Weisheit unter Menschen, sie ist nutzlos.

Du hast nur eine Täuschung hochgeschätzt,
wie goldenen Baum in einem schönen Traum.
Du Blinder rennst nur Leerem hinterher,
siehst unter Menschen eine Schwindelschau.

Wie eine Kugel auf den Berg gelegt,
die Iris in der Mitte, voller Tränen,
und Augenschleim entsteht hier immer neu:
vielfältig ist die Augenart geballt.

Sie riß es aus, das so schön anzusehn,
sie gab es hin, hielt nichts im Geiste fest:
„Wohlan, nun nimm dein Auge endlich mit!“
So gab sie es dem Mann für alle Zeiten.

Dem schwand dahin für alle Zeit der Reiz,
bat auf der Stelle um Verzeihung sie
„Das Heil sei dir, du Brahmalebende!
Nicht wieder Gleiches wird dir noch geschehn!

Geschlagen hast du solchen Menschen,
wie brennend Feuer ihn umarmt,—
werd ich nach einer Schlange greifen?
Heil sei dir weiter! Und verzeihe uns!“

Befreit war da die Bhikkhunī
und ging zum Buddhabesten hin,—
als sie das Zeichen des verdienstvoll Besten sah,
ihr Auge war so, wie es früher war.